Iveco Zukunft: Alle Karten auf der Hand
Lkw-Bau ist derzeit ein bisschen wie ein Pokerspiel: Der Diesel dominiert weiterhin, aber alternative Antriebslösungen stechen immer öfter und man sollte viele verschiedene Trümpfe auf der Hand haben. Denn die Branche fragt auch nach Brennstoffzellen, CNG/LNG und steht verstärkt unter Strom: Im wahrsten Sinne des Wortes: Erst kürzlich verließ ein elektrischer Hängerzug das Werk in Ulm gen Madrid, um zu eruiren, wie man ladetechnisch durchkommt durch Europa mit 18,75 Meter Länge. Auch wieder ein Pokerspiel mit ungewissem Ausgang? Nein, der Trumpf stach: Sowohl in Frankreich als auch in Spanien fanden sich immer freie Ladestreifen und der Hänger musste nie abgekuppelt werden. Läuft also grundsätzlich! Aber stopp, IVECO baut doch noch gar keine elektrischen Fahrgestelle, oder doch?
In Ulm wird das Werk schwer umgebaut – für schwere Elektro-Lkw
Zeit für einen „Stubendurchgang“ in Ulm: Die Halle ist blitzblank und voll durchdigitalisiert: Jeder Arbeitsschritt ist genau vorgegeben und sobald man den Schlagschrauber in die Hand nimmt, stellt der das korrekte Anzugsdrehmoment ein. Wollte man ihn zu früh nutzen, klappt das nicht, da auch die Arbeitsabläufe genau vorgegeben sind. Und erst, wenn Schritt eins bestätigt ist, kann man zu Schritt zwei übergehen. Alles bis in alle Tiefen abgesichert und dokumentiert.
Bei Bedarf kann Iveco in Ulm im Dreischichtbetrieb bis zu 3.000 schwere Stromer montieren, sollte es dereinst noch mehr Nachfrage geben, könnte man eine weitere gleich große Halle hinzunehmen – die aktuell an die Brandschutzkollegen von Magirus vermietet ist, die ja nicht mehr zum Konzern gehören – und bis zu 6.000 elektrische Lkw in Ulm montieren. Bis vor Kurzem wurde in Ulm die batterieelektrische Iveco S-eWAY Sattelzugmaschine und eine Kleinserie der Iveco S-eWAY FuelCell Sattelzugmaschine gebaut. Aktuell stellt das Werk auf die Produktion auf das auf der IAA Nutzfahrzeuge vorgestellte Iveco S-eWAY Fahrgestell sowie die zweite Generation der S-eWay Sattelzugmaschine um. In der Produktionslinie laufen die letzten Gamma-Prototypen vom Band. Daneben baut man gerade ein nagelneues ultra brandgeschütztes Akkulager. Zur Beruhigung: Bisher gab es auch schon ein kleineres Akkulager mit allen nötigen Sicherheitsvorkehrungen und bislang noch nie irgendwelche Zwischenfälle. Die Akkus und die von FPT eigenentwickelten E-Antriebe stellen trotzdem eine spannende Herausforderung dar – denn sie entwickeln sich in rasantem Tempo weiter und eröffnen ständig neue Möglichkeiten!
Aktuell geht Flexibilität klar vor Größe
Ein bisschen wie beim Kartenspielen, wo man gerade noch dachte, die besten Trümpfe auf der Hand zu haben, doch ein paar Spielzüge weiter gilt das schon nicht mehr. Grundsätzlich fallen die Entwicklungssprünge derzeit (noch) derartig groß aus, dass man eigentlich alle fünf Jahre ein komplett neues Package zurren muss, was für einen Langfrist-Invest wie einen Lkw verdammt wenig Zeit ist: Gut, die Erstbesitzer geben die Maschinen ohnehin nach drei bis vier Jahren wieder zurück und sind so immer auf Letztstand, aber wohin dann? Restwerte lassen sich so kaum sauber darstellen und schon gar nicht rechnen….ein bisschen so wie das superschnelle Kartenspiel Split. Kaum alles abgelegt, wird neu gemischt, gegeben und wieder gespielt.
Antriebe? Perspektivisch einmal ALLES bitte!
Weshalb sich Iveco zur Sicherheit ganz breit aufstellt, breiten denn je, denn: Neben den bärenstarken Stromern kann man auch Brennstoffzelle, CNG/LNG und natürlich Diesel/HVO und künftig sogar Wasserstoff-Verbrenner. Und man erweitert die Palette massiv nach unten: Mit dem Hyundai-Konzern baut man den eMoovy als Fahrgestell mit Leiterrahmen für jegliche Aufbauten und mit Stellantis wird man perspektivisch bei den leichteren Vans kooperieren. Die Neuzugänge heißen hier eJolly und eSuperjolly.
Ähnlich wie auch Ford, Mercedes-Benz, Renault und VW respektive MAN ihre Lieferwägen übers Pkw- UND Nutzfahrzeugnetz vertreiben. Bei Letzterem hat man den Vorteil der grundsätzlichen 24/7 Notfallverfügbarkeit und längeren Öffnungszeiten.
2028 wird eine ganz neue Kabinengeneration kommen
Womit wir beim Blick in die Zukunft sind, die auch neue schwere Lkw bringen wird: Durch die geänderte EU-Gesetzgebung mit der größeren Crashbox vorn wird auch IVECO bis 2028 ganz neue schwere Lkw an den Start bringen und den in seinen Grundzügen von 1990 datierenden Rohbau endlich in die wohlverdiente Rente schicken. Die neuen Kabinen sollen mit Ford Trucks entstehen, wo man ähnliche Bedarfe hat.
Auf der Iveco 50-Jahr-Feier in Turin und auf dem ADAC Truck Grand-Prix war sie als Preview zu sehen : Die zweite Generation der Iveco S-eWay Sattelzugmaschine.
Was bedeutet das?
Auch wenn die Marke mittlerweile weltweit betrachtet schon wieder ein „kleiner“ Nutzfahrzeughersteller ist, hält der mit vielen Partnern doch alle Karten in der Hand – egal, um welche Antriebe und Gewichtsklassen es geht. Mögen viele Trümpfe dabei sein!