PKW

VM-Test: Was kann Apple CarPlay Ultra?

Diesmal musste es Aston Martin sein. Denn die Briten kooperieren softwareseitig mit Apple und holen als erster Hersteller CarPlay Ultra in die Autos. Heißt: Das gesamte Infotainment basiert auf einer Apple-statt Aston-Plattform. Die Apple-Lösung überzeugt im ersten Alltagstest mit einer intuitiven Bedienung, offenbart aber auch Schwächen.

Live ausprobiert: Apple CarPlay Ultra bewährt sich im Alltag. | Foto: Aston Martin
Live ausprobiert: Apple CarPlay Ultra bewährt sich im Alltag. | Foto: Aston Martin

Apple statt Aston! Tatsächlich stellt der jetzige Schritt von Aston Martin eine kleine Zäsur dar. Die Apple marketingmäßig voll für sich nutzt. Denn eine Weiterentwicklung eines Gerätes oder einer Software ist nicht einfach nur eine Evolution oder die nächste Generation. Das wäre für die Truppe aus Cupertino zu einfach! „Ultra“ klingt da schon deutlich cooler und vielversprechender. Ein Beispiel ist die leistungsstärkste Apple Watch, die „Ultra“ heißt. Beim Apple CarPlay ist es identisch. Der nächste Entwicklungsschritt ist ebenfalls mit dem Zusatz „Ultra“ versehen.

„Ultra“ weckt ultrahohe Erwartungen

Das weckt natürlich Erwartungen. Schließlich peppt Apples Smartphone-Lösung CarPlay schon seit einiger Zeit das auch optisch stark in die Jahre gekommene Automobil-Infotainmentsysteme auf. Einfach das iPhone anschließen und schon befinden sich die wichtigsten Apps auf dem Touchscreen. Das langwierige Herumirren in den Tiefen der Infotainment-Menüs gehört damit der Vergangenheit an. Ein paar schnelle Tipper mit dem Zeigefinger und schon läuft die Chose – sei es die Navigation oder das Koppeln des Telefons.

Hinter der Aston-Martin-Optik steckt Apple

An diesem erfolgreichen Prinzip des Apple CarPlay ändert auch die Ultra-Version nichts, die im Aston Martin DBX ihre Premiere feiert. Allerdings bietet die jetzt deutlich mehr. Zum Beispiel kann der Fahrer jetzt nicht nur den zentralen Touchscreen anpassen, sondern auch das digitale 10,25-Zoll-Kombiinstrument definieren. Von der klassischen Drehzahl- und Tacho-Kombination bis hin zur Volldarstellung der Navigationskarte sind verschiedene Grafiken möglich. Auch die Klimaanlage wird per Touchscreen gesteuert. Wer möchte, kann noch einige andere Widgets vom iPhone auf dem Homescreen hinzufügen. Visuelle Themen- und Farbkombinationen nach eigenem Gusto sind ebenfalls möglich. Allerdings keine Fotos als Hintergrund (Wallpaper). „Da könnten wir Probleme mit dem Kontrast bekommen“, erklärt Michael Wanzeck, Head of Cockpit & Digital Experience bei Aston Martin.

Kleine Hersteller wie Aston Martin können mit Apple Teile der eigenen Softwareentwicklung sparen

Für den britischen Autobauer ist die Möglichkeit, sich mit Apple zusammenzutun, ein Segen. So ansehnlich die Autos auch sind, so altbacken ist auch das Infotainment-System. Offenbar ist Apple auch an andere Automobilhersteller herangetreten. Einige haben abgewunken, andere dürften freudig zugreifen. Während BMW und Mercedes viel Zeit und Geld in das eigene Infotainmentsystem investiert haben und zu tiefe Eingriffe in die Fahrzeugarchitektur fürchten, werden sich Ford und einige Marken aus dem Stellantis-Konzern das Konzept aus Kalifornien ziemlich genau anschauen.

Zumal es kostenlos ist, da Apple nur den eigenen Geräte-Kosmos ins Auto bringen will, um die Kunden zu binden. Wie das aussieht, merkt man, wenn man die einiges aus der Apple-Produktpalette mit sich führt. Zu den beiden Bildschirmen im Auto kommen dann noch zwei weitere dazu: das iPhone und die Apple Watch. Am besten die Version Ultra 2, versteht sich.

Das kann das System

Vor zweieinhalb Jahren begannen Apple und Aston Martin mit der Entwicklung. „Die kamen in Heerscharen“, erinnert sich Michael Wanzeck an den Einsatz der Apple-Entwickler. Die Spezialisten aus Cupertino nahmen die CarPlay-Erweiterung definitiv nicht auf die leichte Schulter. Allerdings gaben sie auch die Richtung vor. Das merkt man, wenn man das CarPlay Ultra im Alltagsverkehr testet. Für Apple-Kenner ist die Bedienung des Infotainments kein Problem. Auf dem Touchscreen wischt und tippt man, am Lenkrad nutzt man das rechte Bedienfeld, um das digitale Cockpit zu einzustellen. Nicht nur das: Mit einem Druck auf einen Knopf in der Mittelkonsole erscheint das Fahrassistenten Menü in der typischen iPhone-Grafik. Die Bedienlogik entspricht der der Apple-Geräte und die einzelnen Punkte können mit einer Fingerbewegung deaktiviert werden.

Die Symbiose aus iPhone und Auto ist charmant, aber auch die Apple-Welt ist nicht ganz ohne Schwächen. Sofern man nicht auf die Sprachsteuerung per Siri setzt, bleibt das Smartphone das zentrale Eingabegerät.

Die Bedienung ist teils sehr Handylastig

Anders als das bei klassischen Infotainmentsystemen, bei denen die Bedienung über den Touchscreen erfolgt, was bei der Aston-Martin-Klientel die bevorzugte Vorgehensweise sein dürfte. Das Festlegen der Navigations-Parametern, wie etwa „Autobahnen vermeiden“ erfolgt nicht per Touchscreen, sondern nur am Handy. Immerhin kann der Fahrer das automatische Hineinzoomen der Navigationsroute aktivieren. Allerdings lediglich auf einem Bildschirm. Entweder auf dem großen Display oder dem digitalen Cockpit. Auf dem anderen Monitor ist dann nur die Übersicht der gesamten Route zu sehen. Das bedeutet aber auch, dass man vom Handy abhängig ist. Wenn Apple die neueste Version des Betriebssystems verlangt oder eine iPhone-Generation bei CarPlay Ultra nicht mehr unterstützt, ist man zum Handeln gezwungen.

Für „Androide“ hat Aston Martin das „eigene“ Infotainment

Google Maps wird bei CarPlay Ultra aktuell nicht angezeigt. Das liegt aber nicht an Apple oder Aston Martin, sondern an Google selbst. Interessanterweise funktioniert es bei der Navigations-App Waze, die ebenfalls zu Google gehört. Apropos: Was machen eigentlich die Aston-Martin-Fahrer, die ein Android-Handy nutzen. „Die können auf das native Infotainment zurückgreifen“, beruhigt Michael Wanzeck. Allerdings sind die Fans des britischen Autobauers auch zum großen Teil Apple-Aficionados. Wanzeck beziffert den Anteil der Aston-Martin-Fahrer, die Android-Telefone benutzen auf fünf bis acht Prozent.

Apple hat Vorteile bei der Cybersicherheit, aber…

Manche Automobilhersteller haben ein flaues Gefühl im Magen, wenn Apple die Steuerung des Infotainments übernimmt. CarPlay Ultra nutzt die vorhandene Infotainment-Architektur sowie bestehende Schnittstellen beziehungsweise Verbindungen zum Fahrzeug. Für die Grafiken im Kombiinstrument werden die vorhandenen Prozessorkerne genutzt. Das wirft die Frage nach der Cybersicherheit auf. Schließlich ist jeder angeschlossene Computer ein mögliches Einfallstor für Hacker. Grundsätzlich gilt der geschlossene Apple-Kosmos als ziemlich sicher. Doch selbst die IT-Trutzburg aus Cupertino ist nicht per se uneinnehmbar. Aston Martin ergreift deshalb selbst Schutzmaßnahmen, nutzt zum Beispiel Verschlüsselungstechnologien und prüft kontinuierlich ob Cyberattacken auf das Fahrzeug stattfinden.

In den USA wird das System noch im Juni 2025 (wir haben CarPlay Ultra in einem DBX getestet) genutzt und dann sukzessive ausgerollt. In Europa geht es im August mit dem Vanquish Volante los, ehe die anderen Modelle folgen. Wichtig ist, dass Aston Martin eine Nachrüstlösung anbietet, die den vollen Funktionsumfang bietet.

Ein zweiter wichtiger Punkt wird der sein, wie man mit dem System in 15 bis 20 Jahren umgeht, wenn der Aston auf dem Weg zum Sammlerstück nur ein „Gebrauchter“ ist: Möge Apple das Auto immer am Laufen halten. Weshalb künftige Oldiebesitzer auch immer das digitale System berücksichtigen müssen, soll ihr Schätzchen nicht unbedienbar in der Garage vergammeln…

Was bedeutet das?

Die Software ist immer nur so gut wie ihre Möglichkeiten: Und da die mittlerweile fast unbegrenzt sind, gibt es auch bei Apples „Car Play Ultra“ im Aston einige kleine Stolpersteine, die so „ultra“ nicht sind. Trotzdem kann der Ansatz gerade für Hersteller, die keinen wirklichen Bock auf ein richtig gutes eigenes Infotainment haben, funktionieren. Besser gut gekauft als schlecht selbst gemacht!

Erste Erfahrungen mit Apple Car Play Ultra sammelte für uns Wolfgang Gomoll von press-inform