VM-Fahrbericht Hyundai Ioniq 9: Neue Größe
Wow! Wenn hintern Steuer des Ioniq 9 ein 1,9-Meter-Mensch Platz nimmt, bleibt in Reihe zwei mehr Platz als in jeglicher Lang-Luxuslimo und man kommt sich neben dem Auto ein bisschen vor wie ein Zwerg! Das mit dem vielen Platz geht aber schon in Ordnung, denn so bleibt auch in Reihe drei noch genug Platz – denn um den zu haben, muss auch hier Reihe zwei etwas nach vorn fahren. Hier kann auch Hyundai nicht zaubern, baut aber aktuell einen der raumgreifendsten Sechs- oder Siebensitzer auf dem Markt. Der allerdings mit 5,06x1,98x1,78 Meter auch schon fast Minivanmaße hat – und mit üppigen 3,13 Metern Radstand klotzt!
Das Kofferraumvolumen? Fast ein Studentenzimmer!
Ähnlich üppig fällt das Kofferraumvolumen aus: Im schlechtesten Fall bleiben hinter Reihe drei 338 Liter übrig – fünfsitzig sind es 908 (!) Liter, legt man alle Reihen (elektrisch) um, gibt der Riese 2.494 Liter Ladevolumen frei. Dazu kommt ein 88-Liter Frunk, der beim Allrad auf 52 Liter „schrumpft“ – immer noch genug auch für längere oder dickere Ladekabel. Der lässt sich einfach per Doppelknopfdruck öffnen.
Überhaupt, die Taster und Knöpfe: An denen hat Hyundai dann doch nicht gespart auch wenn vieles auf der Mittelkonsole etwas fitzelig arrangiert ist, aber man findet sich schnell zurecht – was auch fürs Infotainmet- und Klimamenü gilt. Das Sprachverständnis soll dank KI noch besser geworden sein – fordert bisweilen aber immer noch klare Ansagen. Oder labert einen endlos voll, wenn man unüberlegt weiterspricht. Nun ja, für finale Verständigkeit hat Hyundai ja noch ein paar Updates Zeit…
Die Tempowarnung kann man jetzt per dreisekündigem Druck auf die Lautsprechertaste wegklicken, den immer noch etwas ungelenken Spurhalteassi oder den Aufmerksamkeitsüberwacher möge man bitte im Menü ruhigstellen – da bleibt man in Korea vorsichtig! So dass einen der Ioniq 9 tendenziell immer noch überdurchschnittlich oft vollbimmeln kann, aber es ist bei Weitem nicht mehr so schlimm wie einst – passt!
Das Fahrwerk: Gekonnt gedämpft
Und weil wir gerade schon unterwegs sind, rumpeln wir doch extra mal über einen Kanaldeckel oder eine tiefere Furche – beides dämpft der Ioniq 9 gelassen weg. Manch kleine Unebenheit verflauscht und verliert sich gar komplett im Fahrwerk, hier schließt der Ioniq 9 schon zur Oberklasse auf, die er indirekt auch mit herausfordert. Dabei hilft ihm auch das aktive Noise-Cancellinmg und reichlich Dämmmaterial, dass sie sogar vorn in die Kotflügel stopfen! Öffnet man die vordere Tür, sieht man vor dem Scharnier ein stranges softes schwarzes Kunststoffkissen – erst dachten wir, dass sich Hyundai hier den Lack gespart hätte und das Blech einfach scwharz ließ, aber als wir es berührten: Dämmmaterial!
Trotzdem hält der Ioniq 9 Respektabstand zu den „echten“ Premiums, deren Preislisten in dem Segment eher sechsstellig starten: Bei den Materialien, wo man zwar auch Echtleder haben kann – doch sonst dominiert Kunstleder. Auch in der Basis, wo man es mit rauem Stoff kombiniert – die Vorserie hatte hier alle Sitzflächen samt Kopfstützen in rauem, aber angenehmen Stoff bezogen. Und wo dann in der Upper Class Holz, Karbon oder sonstige edle Einleger – auch aus Alu oder Edelstahl den hohen Preis zu rechtfertigen suchen, müssen es hier Kunststoffleisten und –drehregler tun. Das wirkt dann so mittelklassig wie der Preis – doch der ist dafür echt heiß! Kommen wir aber später noch zu.
Aus seinem Gewicht macht der Ioniq 9 keinen Hehl
Gibt es weitere Unterschiede? Ja, das Fahrverhalten: Wo die Audis bis Volvos dieser Welt immer fast eine halbe Tonne leichter wirken, als sie sind, Der Ioniq 9 startet trotz 110-kWh-Akku „erst“ bei gut 2,500 Kilogramm Leergewicht, macht aus denen aber keinen Hehl: Die leicht artifizielle Lenkung macht ihn zusammen mit dem eher komfortablen Fahrwerk und dem langen Radstand eher zum Binnenschiff, dem wir am Rhein dann auch begegnen, denn zum Schnellboot. Immerhin darf man an das beim Allrad 2,5 Tonnen-Trailer anhängen.
Die engen Kurven des Rheingaus mit den Ausläufern des Taunus will der Ioniq 9 eher durchsurfen als durchflitzen und in den teils extrem engen Dörfern, in denen dann auch noch Baustellen aufgebaut sind, kommt man sich mit dem Ioniq 9 wirklich fast vor wie ein Kleinbusfahrer – auch da man wegen dem langen Radstand immer etwas raumgreifend durch die Kurven zirkeln muss. Nein, das können andere knackiger, war aber auch nie das Ziel dieses Riesen, der sich dafür sehr markentypisch fährt: Weich, mit noch weicheren - besten - Kopfstützen der Welt samt leicht artifizieller Lenkung, das ist typisch Hyundai.
Der Verbrauch geht in Ordnung – mit zartem Fuß sind unter 20 kWh/100 km möglich
Die WLTP-Verbräuche starten in der Basis bei unter 20 kWh/100 km – wir kamen mit dem Allrad und dem starken Hecktriebler je auf 21,1 respektive 21,3 kWh/100 km laut Anzeige, was rund 23,5 kWh/100 km brutto sein dürften, was wiederum in Ordnung geht. Der dezent höhere Verbrauch ist übrigens auf die deutlich freudiger gefahrene zweite Runde im hinterradgetrieben Modell zurückzuführen, das im Eco-Mode nicht so dramatisch schwächer ist als die stärkeren Allradler: Wir kannten die Kurven und Blitzer und konnten es etwas zügiger laufen lassen. Mit dem 110-kWh-Akku wären so rund 468 Kilometer Reichweite drin, was uns der Reichweitenrechner in etwa auch so bestätigte, im Winter sollten immer noch 400 Kilometer bleiben und wer es ganz ruhig angeht, dürfte auch leicht über 500 schaffen.
Laden? Gern schnell – und vor allem mit konstantem "Plateau"
Laden kann der Ioniq 9 mit bis zu 233 kW, womit er dank flachem Ladeplateau den Hub von zehn auf achtzig Prozent SOC binnen 24 Minuten schaffen soll. Selbst bei 80% Ladestand soll er noch mit bis zu 150 kW ziehen, erst dann fällt die Ladekurve ab. Mehrere Foren, die auch in den USA schon Ladetests machen konnten, bestätigen, dass diese Zeit durchaus realistisch sein könnte. AC kann er optional 22 kW – und V2L mit bis zu 3,6 kW – da könnte man auch mal einen Elektrogrill anhängen. Und das Handy lädt die Matte mit bis zu 100 Watt – wird dann schon warm!
Komplexe Inneneinrichtung samt verschiebbarem „Schränkchen“ und Drehsitzen
Womit wir bei den Hyundai-typischen Goodies wären wie der um 19 Zentimeter verschiebbaren Mittelkonsloe, an die alle Mitfahrer von vorn und hinten rankommen, außerdem gibt es ein Desinfektionsfach fürs Handy oder anderes Bakterienhaltiges. Und in Reihe zwei kann man sich für Einzelsitze entscheiden, die sich auch im 180 Grad drehen lassen, sodass man sich auf Fond-Konferenzen auch in die Augen schauen kann. Praktischer sind die aber, wenn man einen Kindersitz auf ihnen festmachen will oder Fahrgäste hat, die sich mit dem Aus- und Einsteigen sehr schwer tun. Das ist natürlich im Basissiebensitzer ab 68.500 Euro alles noch nicht an Bord, doch selbst wenn wir das Alles reinpacken in der höchsten Ausstattungsstufe und noch den teuren Mattlack dazunehmen, bleiben wir unter 100.000 Euro.
Oder starten bei 1.500 Euro Anzahlung mit Raten ab 599 Euro im Privat- respektive 449 im Businessleasing. Womit sich der große Hyundai am Ende preislich ganz klein macht…
Was bedeutet das?
Der Ioniq 9 meldet bei Hyundai den nächsten Aufstieg an – jetzt ins Segment der Oberklasse-SUV, wo er mit Platz, einigen genialen Ideen und schickem Design durchaus fleißig Punkte sammelt. Und zwischen Premium und Mittelklasse sowie zwischen SUV und Van surft. Und sich nebenbei stark genug von seinem Verwandten – und allen anderen Groß-SUV - unterscheidet.