VM-Fahrbericht Audi S6 e-tron: Lichtspiele light
Im deutschen Businessfuhrpark heißen die Hauptkonkurrenten BMW i5 und Mercedes-Benz EQE. Denen will der Audi A6 respektive der von uns gefahrene S6 e-tron „heimleuchten“. Dazu kündigt Audi vor allem beim Licht Innovationen und Intelligenz an.
Kurz zu den Fakten: Dank "Premium Plattform Electric" kommt der Audi mit 800-Volt.Spannung und damit schnellen Ladezeiten: Von 10 bis 80% soll der netto 94,9 kWh bietende Akku 21 Minuten brauchen. Im Peak soll der S6 mit bis zu 270 kW saugen – könnte klappen.
Man kann den S6 sehr sparsam bewegen – unter 20 kWh/100 km sind durchaus machbar
Die Reichweite gibt Audi mit bis zu 647 km an, den Verbrauch nach WLTP mit 16,4 bis 17,4 kWh/100 km. Auch das könnte halbwegs klappen: Am Ende unserer gemischten Runde über gut 40 km zeigte das Display 16,6 kWh/100 km an, was mit Ladeverlusten in der Regel rund 18,3 kWh/100 km sind, woraus sich eine reale Reichweite von gut 518 Kilometern errechnet. Allerdings: Über Land im dichten gemischten Verkehr, selten über 80 km/h schnell bei 24 Grad Außentemperatur im Efficiency-Mode. Dass es auch anders geht, zeigte die vor uns fahrende Person, die den S6 voll klimatisiert mit 26,7 kWh/100 km übergab, was brutto knapp 29,4 kWh/100 km sind – dann käme man noch gut 322 km weit. Jetzt verrechnen wir das mit unseren Erfahrungen des Volkswagen-Konzerns im allgemeinen und unserem Sq6-Testwagen im Besonderen und stellen fest: Auch der S6 e-tron kann im Sommer extrem sparsam bewegt werden (zeitweise kamen wir auf 14,1 kWh/100 km im Display, das wären nur gut 15,5 kWh/100 km netto), aber sobald es kalt oder eilig wird, gönnt er sich einen ordentlichen Extra-Zug aus dem Stromspeicher. Trotzdem: In Sachen Energie-Effizienz fährt er in seinem Umfeld gut mit!
Fahrverhalten und Leistung: Machen den S6 für seine 2,4 Tonnen sehr leicht
Das gilt auch für die Leistung, im Sport-Modus klanglich cool untermalt: Dann stehen bis zu 370 kW (503 PS) zur Verfügung, die per Launch Control kurzfristig auf 405 kW (551 PS) anschwellen können. Dann fliegt der S6 e-tron in 3,9 s von 0 auf 100 km/h, abgeregelt wird erst bei 240 km/h. Noch wichtiger: Er fühlt sich dabei deutlich leichter an als EQE oder i5, was nicht nur am knochig-dünnen Lenkradkranz liegt. Auch das Fahrverhalten ist über jeden Zweifel erhaben: Fiese flache Querfugen bügelt er souverän weg, nur ganz grobe Löcher bringen das Luftfahrwerk etwas aus dem Schwebezustand. Der Grenzbereich liegt hoch und kündigt sich erst sehr spät durch dezentes Überschieben der Vorderräder an. Nie verliert der S6 dabei die Leichtigkeit des Seins.
Tolle Fahrassistenz, überaufmerksames Navi
Dazu kommt die smarte Fahrassistenz, die vor Abzweigen oder an Kreiseln verzögert, da die Karte immer hinterlegt ist. Dazu kommen rote Warnpfeile im Head-Up-Display, wenn man zu dicht auffährt und ebendort Abbiegepfeile, wo nötig. Das Soundsystem ist ebenfalls klangstark und smart, die sprachliche Navigationsassistenz weniger: Als wir vor uns hinbrabbeln, dass uns etwas „Wurscht“ ist, sucht sie sofort sämtliche Adressnamen und Metzgereien mit „Wurst“. Neben Bayern sollten sich auch Wiener hüten, zu laut zu fluchen: Als uns jemand böse schneidet und uns ein „Gschissener“ entfährt, sucht die navigation sofort nach dem Namen „Schiener“, was uns sofort schmunzeln lässt.
Die Kameraaußenspiegel kann man sich auch hier sparen
Unser Testwagen war mit den Kamera-Außenspiegeln ausgestattet, die im Lkw toll funktionieren, hier nicht: Sie stehen vom Winkel zu steil und man tut sich anfangs sehr schwer, die exakten Abstände der hinter einem Fahrenden einzuschätzen. Auch wenn das Rähmchen grün hinterlegt ist, wenn die schon nahen, aber noch genug Raum ist. Kommen sie zu nah, wird es gelb, dann rot…
Rot leuchten auch die Ringe am Heck und die programmierbaren LED-Rückleuchten und Tagfahrlichter vorn. Dass man sie in einem Muster programmieren kann, ist nett, aber uns würde interessieren, wer da wirklich danach gefragt hat! Viel wichtiger ist, dass die Scheinwerfer per Fernlichtautomatik immer den maximal möglichen Lichtteppich vor uns ausrollen, ohne den Gegenverkehr zu blenden – und auch da können wir aus Erfahrung sagen: Das kann Audi sehr gut!
Bei der Haptik schien teils Dacia als Vorbild zu dienen
Nicht so gut gefällt uns das Gehäuse der Kamerascreens, die aus immerhin geschickt genarbtem und nicht zu stark glänzenden Hartplastik bestehen, wie überhaupt das Color- und Trim-Team bis auf Lenkrad und Sitze Dacia als Vorbild hinsichtlich Materialqualität auserkoren zu haben scheint: Die wildlederartigen Oberflächen wirken wie Billigbezüge auf günstigen Baumarktcouchen, die Plastikleisten versuchen ihr Material nicht mal zu kaschieren und generell hat Audi extrem viel Hartplastik verbaut. Für ein 100.000 Euro-plus-Auto viel zu viel.
Auch das Anzeigen- und Ablagenkonzept findet keinen klaren Strich zwischen reduziert und verspielt: Da wirken Nio und Co. deutlich cooler und Mercedes-Benz noch klassisch-kitschiger…aber irgendein „Vorsprung“ lässt sich in dieser Unentschlossenheit bestehend aus drei Screens nicht erkennen.
Für die Größe hat der S6 e-tron wenig Platz
Was auch für das Platzangebot gilt: Für eine fast fünf Meter lange Limousine geizt der S6 e-tron wie der SQ6 e-tron mit Kniefreiheit hinten und als Sportback geht die Kopffreiheit eben dort gerade noch so in Ordnung. Aber lümmeln vorn zwei Große, die gern mit flachen Sitzen fahren, wird es hinten schon arg eng. Dabei kündigte der VW-Konzern doch einst eine neue Raumeffizienz an?
Auch der Kofferraum des S6 e-tron fällt deutlich kleiner aus als beim S6 der vorherigen Generation. Das Volumen beträgt 502 bis 1.330 Liter, dazu kommt beim Allrad ein 27 l Frunk unter der vorderen Damit liegt der Kofferraum näher am aktuellen A5 Avant als an seinem Verbrenner-Vorgänger. Dem er auch in der Haptik unterlegen ist. Was aber auch für BMW und Mercedes-Benz in gewissem Umfang gilt. Womit der bundesdeutsche Business-Fuhrpark auch hier vereint ist.
Was bedeutet das?
Der S6 e-tron hat in Sachen Fahrwerk und Verbrauch – und bei der smarten Fahrassistenz den Anschluss in die Businessklasse geschafft. In Sachen Raumnutzung und Haptik spielt der Bayer allerdings wie der FC Ingolstadt, auch als „Schanzer“ bekannt, wie diese - eher in der dritten Liga.