Slate Auto: Radikal anders!
"Slate" heißt direkt ins deutsche übersetzt soviel wie (Schiefer)tafel, und genau wie diese sollen die Kunden ihren Wagen mit individueller Optik und Ausstattung selbst "beschreiben". Die Preise sollen nach Abzug von Förderungen in den USA bei 20.000 Dollar starten. Beim Car Design Event in München hatten wir die Möglichkeit, als eines der ersten europäischen Medien mit Chefdesignerin Tisha Johnson zu sprechen und Hintergründe zu erfahren.
Slate wurde 2022 gegründet und agierte zunächst im Verborgenen, bis das Unternehmen am 24. April 2025 den Slate Truck vorstellte. Einst lief das Projekt unter dem Namen „Re:Car“ und war Teil von Re:Build Manufacturing, einem Inkubator für heimische Fertigung in den USA. Deshalb verwundert es nicht, dass Slate Auto seinen Hauptsitz in Troy, Michigan hat. Dazu kommt ein Designstudio, das natpürlich Kalifornien sitzt, genauer gesagt in in Long Beach. Die Komponenetn für das Fahrzeug sollen dann in einer ehemaligen Druckerei in Warsaw, Indiana, produziert werden. Ob er später in andere Märkte exportiert wird, steht noch nicht fest – mit 4455 mm Länge würde er aber weltweit funktionieren, wird optisch aber sofort als US-Modell erkannt.
Die ersten Mitarbeitenden solen Ex-Arbeitende von Ford, General Motors, Stellantis und Harley-Davidson sein. Vor der offiziellen Enthüllung am 24.4.2025 soll Slate drei Prototypen auf den Straßen von Venice bei Los Angeles geparkt haben, die mit Logos fiktiver Unternehmen versehen waren. Das Serienmodell soll dann zu einem Preis von knapp unter 27.500 US-Dollar starten, was nach Bundesrabatten einem Nettopreis von unter 20.000 US-Dollar entsprechen kann. So wie die „Park-Aktion“ hat man auch den Namen mit einem Augenzwinkern gewählt: "Slate" ist laut dem Chief Commercial Officer und ehemaligen Tesla-Manager Jeremy Snyder ein Anagramm für "Tesla."
Elektromobilität – weil sie für die Kundinnen und Kunden auf lange Sicht günstiger ist!
Slate soll wie Tesla rein elektrisch sein! Trotz dem Gegenwind der US-Regierung unter Trump, denn laut Johnson sind Elektrofahrzeuge im Unterhalt immer günstiger als Verbrenner - durch geringere Energie- und Wartungskosten. Hier rechnet sie wie in der Nutzfahrzeugbranche die TCO – die total cost of ownership und nicht den Kaufpreis. Der radikal günstig sein muss, denn laut Johnson können sich mittlerweile die meisten US-Mittelklassehaushalte, bei denen beide Erwachsenen verdienen, nicht mal mehr junge Gebrauchtwagen leisten. Bei Autotrader startet der durchschnittliche Preis in der Suchmaske bei 33.557 Dollar oder 450 Dollar monatlich, das sind knapp 29.760 Euro oder 399 Euro monatlich…da sind mittlerweile auch viele Europäer raus.
Radikal entschlackt!
Dafür entschlackte man den Slate radikal: Er kommt immer in mattgrauem Kunststoff als zweisitziger Pick-Up und man kann zwischen kleinem und großem Akku wählen, der einen bis zu 150 oder 240 Meilen weit bringt, das sind rund 241 oder 386 Kilometer. Wenn man vom strengen US-Standard ausgeht, bleiben davon auch im Worst Case in echt knapp 200 respektive knapp 300 Kilometer übrig. Mehr legt kein Durchschnitts-US-Amerikaner im Alltag zurück. Der Antrieb sitzt immer am Heck, vorn gibt es einen großen Frunk.
Für individuelle Bedürfnisse gibt es unendlich viele Optionen
Auch innen räumte man den Slate komplett aus: Es empfängt einen eine große Armaturentafel mit drei Dreh-Drückschaltern für die Klimatisierung und man kann sich das mit Aufklebern oder Stoff selbst nach Bedarf Aufhübschen. Den Screen macht man sich aus seinem Handy oder Tablet, dafür wird es verschiedene Halterungen geben, ebenso wie man sich aus einer tragbaren Box sein Soundsystem selbst nachrüsten kann.
Und: Der Slate kommt wieder mit Kurbelfenstern, die laut Slate-Kostenanalyse immer noch günstiger als elektrische Fensterheber sind. Die man aber auch nachrüsten können soll! Ebenso wie man sich die Stahlfelgen mit aufklickbaren Zubehörteilen aufhübschen kann. Tatsächlich verzichtete man hier auf Alu und sogar ein großes Muster mit Durchbrüchen – so seien die Räder günstiger herzustellen und robuster!
Interview Tisha Johnson
Wann bist Du zu Slate gestoßen?
Johnson: das war im Dezember 2022, ich glaube, ich war die 17. Mitarbeiterin des Unternehmens.
Wie hat das Projekt begonnen? Stand von Anfang an fest, dass ein Pick-Up-Truck die Basis sein würde?
Johnson: Nein, wir hatten tatsächlich eine unbeschriebene „Schiefertafel“ wenn Du so willst. Fest stand: Es sollte ein sehr nutzwertiges aber auch begehrenswertes Auto werden. Mit einfachem Einstieg, viel Ladefläche, einem großen abschließbaren Laderaum unter der Haube, das extrem günstig produzieren kann und das man sich selbst dann nach Belieben individualisieren kann. So kamen wir relativ bald auf die Basisform des Pick-Ups, den man sich aber auch zum Kompakten oder SUV umbauen kann.
Was war bei so viel Reduktion das Leitthema des Designs?
Johnson: Oh, das war ganz einfach – es sollte ein freundliches Auto werden, dass man aber auch wirklich haben möchte!
Rein optisch hätte es den Slate so schon vor 40 Jahren geben können, aber theoretisch könntet Ihr ihn auch in 40 Jahren noch so bauen – das Design wirkt sehr zeitlos.
Johnson: Danke danke! Genau das wollte ich hören! Tatsächlich wollten wir kein Retro-Fahrzeug machen, aber als wir den Menschen den Entwurf zeigten, verbanden ganz viele positive Erinnerungen oder Vibes mit dem Slate. Manche erinnerte er an kompakte japanische Pick-Ups, andere an US-Modelle, auch eine Spur Land Rover wurde entdeckt und trotzdem ist es ein ganz eigenes, positiv belegtes, freundliches und langlebiges Design!
Welche Rolle spielt Langlebigkeit bei diesem Entwurf? Und gibt es schon eine Idee eines Zeithorizontes, wie lang der Slate so gebaut werden soll?
Johnson: Fakt ist, das wir damit Ende 2026 auf dem Markt ein wollen. Wie lange wir ihn dann bauen? Spielt erstmal keine Rolle, aber: Ja, Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Wir haben sämtliche Außenpaneele, die Stoßfänger, den Grill, die Scheinwerfereinheiten, fast alles mit sichtbaren Schrauben versehen, dass man beschädigte Paneele selbst ganz einfach tauschen kann. Ebenso einfach kann man den Slate folieren – das habe ich selbst schon ausprobiert – und bei einem komplexer gestalteten Auto echt geflucht – oder man kann ihn sich eben zum Mehrsitzer-SUV oder –Kompakten umbauen. Und dann wieder zurück zum Pick-Up, falls man den wieder braucht.
Im Innenraum habt Ihr auch alles rausgenommen, was nicht nötig ist: Statt einem Screen gibt es Halterungen fürs Handy oder ein Tablet, falls man sich einen größeren Screen wünscht. Ist den potenziellen Kunden das nicht zu wenig? Die Entscheidung ist mutig!
Johnson: Tatsächlich haben wir hier extrem viel positive Rückmeldungen bekommen. Denn ganz viele Menschen wollen immer noch in ein Auto einsteigen, alles erfassen und einfach losfahren, ohne vorher einen Programmierkurs belegen zu müssen. Die Freiheit der Mobilität ist es doch, möglichst einfach von A nach B zu kommen! Zumal uns dieser Verzicht auf Screens und Software auch riesige Kostenvorteile bringt: Wir müssen hier nichts programmieren, updaten oder gegen Cyberkriminalität absichern. Und wer trotzdem programmieren kann oder möchte, der kann sich sein mobile Device entsprechend einrichten. Wie gesagt, die Möglichkeiten, sich seine Schiefertafel individuell zu beschreiben, sind unendlich!
Was bedeutet das?
Designerin Johnson erklärt immer wieder, dass sie mit ihrem Team nur die Basis schafft, die individuelle Gestaltung soll dann jeder selbst übernehmen. Und schon jetzt gibt es zig konfigurierte Varianten im Netz, von denen selbst Johnson immer wieder überrascht ist. „Wir glauben an die Kraft der Reduktion“, erklärt sie. Was vielleicht die radikalste Form von Innovation ist: Ein Auto, das einen selbst wieder in die Verantwortung setzt und einfach nur Räume für Träume schafft, ohne sich als digitaler „Pseudo-Best Buddy“ wichtig zu machen. Ein Auto, das nicht vorgibt, was es sein will, sondern darauf wartet, was man aus ihm macht!