Formel E in Berlin: Rowland holt den Titel!
DAS macht die Formel E so spannend: Noch am Samstag sah es so aus, als könnte Porsche beim Fahrertitel nochmal mitsprechen – auch, weil Nissan patzte. Am Sonntag war dann wieder alles anders. So oder so konnte Jaguar sich freuen: Nach Evans holten den zweiten Sieg in Berlin Nick Cassidy. Fakt ist: Oliver Rowland ist Formel-E-Weltmeister 2024/25! Ihm reichte dazu Rang vier, vor allem, weil Rivale Pascal Wehrlein (Porsche) nach einer verkorksten Strategie nur 16. Wurde, obwohl er von der Pole startete! Umgekehrt lief es bei Jaguar: Nick Cassidy startete von Platz 20 und siegte. Was uns als Zuscahuer überraschte: Nachdem Porsche und Cupra – beide mit Zuffenhausener Antrieben – zeitweise ein solides Führungsquartett bildeten, wurden die Stück für Stück nach hinten durchgereicht und es kamen unerwartet ganz andere Player nach vorn: Jake Dennis und Jean-Eric Vergne komplettierten dann auf Rang zwei und drei das Podium.
Wehrlein fuhr die ersten fünf Runden vorneweg, dann ging Ticktum an ihm vorbei. Dann kam auch Beckmann nach vorn und übernahm die Führung. Wehrleins verlor schnell Energie und Grip und man vermutete, dass er den Windschatten vorzog. Das Führungsquartett aus den beiden Porsche-Fahrern, da Costa und Wehrlein, sowie Ticktum und Frijns wechselte immer wieder die Positionen. Rowland arbeitete sich derweil dezent von Startplatz acht auf Rang fünf vor. Cassidys Jaguar fuhr noch unauffällig im hinteren Mittelfeld mit.
Rowland arbeitete sich von Rang acht auf Rang fünf vor
Dann blieb Sebastien Buemi mit einem technischen Problem liegen – Safety-Car – das Feld rückte zusammen und Wehrlein dürfte aufgeatmet haben. Mittlerweile hatte sich Barnard im Mc Laren vor Felix da Costa, Wehrlein und Mitch Evans gesetzt, Rowland variierte immer zwischen Rang fünf und acht. Der McLaren-Fahrer bog dann in die Attack-Zone ab, verlor die Führung und erhielt sie durch die Mehrleistung zurück. Verlor sie aber bald, denn Bird fuhr in Kurve 2 auf Müller auf.
Wehrlein nutzte den neuen „Start“ nach dem Safety-Car gleich, um sich im großen Bogen den Attack-Mode zu holen und kämpfte sich in Runde 27 die Führung von Barnard zurück, aber nur kurz: Nach wie vor fehlte ihm Energie und Grip. Auch Rowland war auf Rang vier vorgerückt und kämpfe sich von dort kurzfristig an die Spitze, während Wehrlein ab da nach hinten durchfiel.
Wehrlein fehlten Grip und Pace
Doch warum wurde er nach seiner starken Pace am Vortag und der Pole an zweiten Renntag derart auf Rang 16 durchgereicht? Im Interview mit unseren Kollegen von e-Formel.de erklärte Wehrlein zerknirscht:
„Wir hatten einfach keine Pace im Auto, kein Grip und einen falschen ersten Attack-Mode - mit nur zwei statt vier Minuten, wie die Autos um mich herum."
Ein Problem dürfte die Einstellung des Porsche-Fahrwerks gewesen sein, dass die Reifen dem trockenen rauen Beton von Berlin regelrecht zum Fraß vorwarf: Tags zuvor war es in weiten Teilen feucht und kühler, was dem Auto und Wehrlein in die Karten spielte. Und: es fehlte auf einmal dramatisch an Pace: Denn trotz Attack-Mode kam Wehrlein lange nicht am zweiten Nissan von Sergio Sette Camara vorbei, der im Standard-Mode fuhr. Und sich nach einem schwachen Quali von fast ganz hinten immerhin auf Rang zehn vorgearbeitet hatte! Wehrlein wunderte sich:
„Nicht mal mit Attack-Mode sind wir an den Autos ohne Attack-Mode vorbeigekommen."
Porsche gab am Anfang den Speed vor – verausgabte sich aber zu schnell
Interessant, denn das erste Viertel fuhren beide Porsche und beide Cupra-Kiro munter vorne weg und tauschten untereinander munter Positionen und Windschatten. Und bis auf Mc-Laren-Fahrer Barnard ging da erstmal keiner mit – bis dann peu-a-peu alle vier ihre Positionen verloren. Antonio Felix da Costa im zweiten Porsche kritisierte den schnellen Start samt hohem Speed, während hinten Strom gespart wurde. Teils hatten DS oder Jaguar bis zu drei Prozent mehr Energie als das führende Quartett! Und keiner der drei Fahrer auf dem Podest startete besser als Platz 16!
Da Costa kämpfte sich noch auf Rang neun und wurde wegen Nico Müllers Strafe als Achter gewertet. Damit verlor Porsche auch in der Teamwertung Punkte, die man am Samstag noch stolz addieren konnte.
Plötzlich fuhren Fahrer um die Spitze, die von hinten gestartet waren
An der Spitze tauchten jetzt die Fahrer des Podiums auf: Nick Cassidy übernahm die Führung vor Jake Dennis und Vergne – und fuhr dem Feld Runde um Runde davon, wie es Evans tags zuvor am Anfang des Rennens tat. Rowland kämpfte sich wieder auf Rang vier vor – weit genug vorn für den Titel, was den heißblütigen Briten für seine Verhältnisse vorsichtig fahren ließ. Das führende Quartett ging so in die letzte Runde – und bei Nissan löste sich die Stimmung, denn Wehrlein kam nicht mehr nach vorn.
Cassidy fuhr die letzten vier Runden ziemlich souverän vorne weg
Cassidy fuhr souverän den zweiten Jaguar-Sieg in Berlin ein, weit vor Dennis und Vergne, der DS damit nochmal aufs Podium brachte. Rowland konnte Vergnes Speed nicht ganz mitgehen, konnte aber auf Rang vier die nötigen Punkte holen, um erstmals Formel-E-Weltmeister zu werden!
Nick Cassidy freute sich:
„Was für ein großartiges Rennen! Nach einem abermals schwierigen Qualifying war es hart, von ganz hinten zu starten, aber wir wussten, dass wir heute ein schnelles Auto hatten, wenn wir alles gut umsetzen. Deshalb bin ich wirklich stolz auf mich und das Team, wie wir unser Rennen heute gefahren sind – Sieg Nummer drei in drei Jahren für mich in Berlin!“
Porsche will jetzt wenigstens noch die Hersteller- und Teamwertung gewinnen. In beiden Fällen liegt man vor Nissan: 23 Punkte in der Team-Weltmeisterschaft und sieben Zähler im Kampf um den Herstellertitel. Die beiden letzten Formel-E-Rennen finden am 26. und 27. Juli in London statt. Man darf gespannt sein, wie „roh“ Rowland bei seinen „Heimrennen“ agieren wird, um Porsches Plan zu durchkreuzen. Was auch an der Pace des eingangs erwähnten Porsche- und Cupra-Kiro-Quartetts liegen dürfte.
Was bedeutet das?
Die Formel E ist deutlich spannender als die Formel 1: Denn auf der gleichen respektive selben Strecke kann der Sieger eines Rennens der Verlierer des nächsten sein und umgekehrt! Und: Es gibt immer wieder spannende Überholmanöver und Führungswechsel.