PKW

Digitale Schlüssel – der grobe Trugschluss

Immer mehr Modelle wollen einem das Auf- und Absperren erleichtern, indem Sie den Nutzer erkennen und sich selbst Ent- und Verriegeln. Was in der Praxis aber immer wieder in einen Affentanz am Auto ausartet!

Viele neue Modelle lassen sich nur noch per App oder Funkkarte respektive -klötzchen öffnen. was nicht immer wirklich gut funktioniert. | Foto: G. Soller
Viele neue Modelle lassen sich nur noch per App oder Funkkarte respektive -klötzchen öffnen. was nicht immer wirklich gut funktioniert. | Foto: G. Soller

Niemand möchte bei modernen Autos mehr diese kleinen brüchigen Schlüssel zurück, bei denen immer mal wieder der Bart abbrach, die sich teils selbst zerlegten oder mit denen man als Laternenparker im Winter immer erstmal nicht nur für emotionale Wärme am vereisten Schloss sorgen musste, um den Schlüssel da überhaupt reinpfriemeln zu können.

Der Renault Fuego war das erste Serienmodell mit schlüssellosem Zugang

Dann kam Renault und führte 1982 führte Renault beim Fuego das erste serienmäßige Fernbedienungssystem zur Fahrzeugverriegelung ein. Dieses System, bekannt als „Le Plip“, basierte auf Infrarot-Technologie und ermöglichte das drahtlose Ver- und Entriegeln der Fahrzeugtüren mittels eines kleinen Handsenders.

Renault ersetzte „Le plip“ durch „La carte“

Im Jahr 2001 gingen die Franzosen noch einen Schritt weiter und führten beim zweiten Laguna die „Keycard“ ein. Diese Chipkarte ersetzte den herkömmlichen Autoschlüssel und ermöglichte das Starten des Motors per Knopfdruck. Je nach Ausführung konnte das Fahrzeug durch Berühren des Türgriffs automatisch entriegelt werden, sofern sich die Karte in der Nähe befand.

Und genau damit begannen die Probleme: Denn das mit der „Erkennung“ funktionierte nur so lala. Und man kramte dann doch immer wieder mal den Schlüssel raus, um ihn irgendwie ans Auto zu halten, dass es doch bitte öffnen möge. Und umgekehrt ließ es sich manchmal ganz viel Zeit mit dem Absperren. Was für dezente Unruhe sorgte, wenn man sich in einem augenscheinlich schlechten Viertel befand oder jemand des Weges kam, der auf den Parkplatz spechtete und dann ungeduldig hupte, bevor sich das Auto endlich absperrte.

2010 führte GM die Handynutzung ein

Doch es geht noch weiter: 2010 stellte GM die erste Smartphone-App der Automobilindustrie vor, die es Besitzern des Chevrolet Volt ermöglichte, ihr Fahrzeug aus der Ferne zu ver- und entriegeln, den Ladezustand zu überprüfen und den Motor zu starten.  

Und 2016 kündigte Volvo an, als erster Hersteller physische Autoschlüssel vollständig durch eine Smartphone-App zu ersetzen. Diese digitale Schlüsseltechnologie, die auf Bluetooth basiert, ermöglichte es den Nutzern, das Fahrzeug zu ver- und entriegeln, zu starten und den digitalen Schlüssel mit anderen Personen zu teilen. Die ersten Fahrzeuge mit dieser Technologie wurden 2017 eingeführt.

Auf- und Zuwischen – wenn man Pech hat, regnet es in Strömen

Tatsächlich ist die App das kleinere Übel, aber: Man muss halt immer das Handy aus der Tasche nehmen, die App herwischen und dann das Auto „auf- oder zuwischen“, was gerade bei Regen besondere Freude macht. Wer das partout nicht mag, kann alternativ meist irgendein Klötzchen oder eine Karte an, welche das Auto auch erkennen – oder eben nicht. Es gibt meist eine Stelle, an den man dieses Teil dann anlegen könnte, doch auch das ist nicht immer wirklich reaktiv. Sodass man wie ein Idiot oder eine Idiotin ums Auto herumtanzt, mit dem Irgendwas in der Hand, was man an verschiedenen Stellen anlegt…

Immerhin haben manche Modelle Knöpfchen, die man einfach drücken kann oder man wischt irgendwo am Türgriff herum oder oder – hier sind der Phantasie ja auch keine Grenzen gesetzt, denn: Auch das funktioniert in der Praxis leider nicht immer so wie man möchte…

Wenn das Auto nachts die Nachbarn erfreut

 Oder das Auto ist überreaktiv und sperrt bei jedem Vorbeigehen auf und wieder zu, eil man dummerweise das Irgendwas noch irgendwo mit sich trägt. Was gerade Nachts in ruhiger Nachbarschaft unheimlich nervt. Und immer wieder die bange Frage: ist es jetzt auch wirklich abgesperrt?

Was weiter nervt: Wenn das Teil dann schon bei Neuwagen meldet, das sein Akku schwach ist und es bitte geladen werden möchte. Weshalb bei denen, die die App nutzen, auch das Handy nie ohne Strom sein darf!

Wie einfach ist dagegen ein altmodischer „Plip“, mit dem man das Auto immer zuverlässig auf- und zusperren konnte, genau dann, wann man es selbst für richtig hielt.

Was bedeutet das?

Das Problem an der Digitalisierung ist, das immer wieder Personen, die nie oder selten mit der Praxis zu tun haben, Ideen haben, was man theoretisch NOCH ALLES programmieren kann – eben einfach weil man es kann, nicht weil man es braucht. Und da das oft schnell und günstig geht und eine vermeintlich tolle Zusatzoption ist, ersticken wir mittlerweile in den zahllosen Möglichkeiten unserer Autos. Die können wir ohne Einführungsfilmchen schon bald nicht mehr starten, weil es nach dem Aufsperren auch dazu zig verschiedene Möglichkeiten gäbe. Wehe, es ist die Falsche programmiert.