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43. KS Umweltpreis: Herrmann fordert Masterplan für Europas Verkehrswende

Große Ideen dürften nicht im Klein-Klein zerredet werden, sonst fällt man noch weiter hinter China zurück, mahnt der Festredner Andreas Herrmann bei der Preisverleihung in München. Verkehrsminister Bernreiter verweist auf die vorhandenen Fördermaßnahmen. Und hält das Auto für unverzichtbar. 

Ausgezeichnete Innovationen: Der 43. KS Umweltpreis würdigte Contis Öko-Pneu UltraContact NXT sowie die Depotladelösung von Siemens DepotFinity. | Foto: J. Reichel
Ausgezeichnete Innovationen: Der 43. KS Umweltpreis würdigte Contis Öko-Pneu UltraContact NXT sowie die Depotladelösung von Siemens DepotFinity. | Foto: J. Reichel

Mit einem Plädoyer für eine mutige Verkehrswende und der Forderung nach einem Masterplan Mobilität in der EU hat Prof. Dr. Andreas Herrmann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und Direktor des Instituts für Mobilität bei der Verleihung des 43. KS Energie- und Umweltpreises in München einen Appell an Politik, Industrie und Gesellschaft gerichtet. In seiner Keynote warf Herrmann einen pointierten Blick auf Chinas Mobilitätsstrategie – und die Folgen vor allem für die deutsche Automobilindustrie. Die sind bereits heute dramatisch, aber eben noch nicht aussichtslos, wie der Wissenschaftler findet.

Für den weitsichtigen Mobilitätsforscher ist eine durchdachte, allumfassende Verkehrswende nicht nur eine Option, sondern ein Muss, um Deutschlands Führungsrolle im Bereich der Mobilität zu erhalten. Herrmann hält einen radikalen Umbruch schlicht für notwendig. Lobbying für die Verbrennertechnologie würde nur kurzfristig funktionieren, langfristig aber die Chancen verspielen. Aus seiner Sicht gelte es, Technologie, Nachhaltigkeit und Zirkularität als "neuen Luxus" zu etablieren und hier hätten die Euro-Marken eben doch etwas zu bieten. Es gelte, die Krise auch als Chance zu sehen, nach 140 Jahren die Mobilität neu zu erfinden, gerade in Deutschland. 

China hatte einen Plan 

Das Beispiel China zeige, dass man mit einem klaren politischen Masterplan, wie er bereits 2005 im Bezug auf die Elektrifizierung der Mobilität gefasst wurde, die Vorzeichen der einstigen Dominanz europäischer Hersteller komplett umdrehen könne. Allerdings gebe es auch Nachrichten, die Hoffnung machten, wie etwa der jüngste Launch des automatisierten Fahrens bei der VW-Tochter Moia. Hier operiere man durchaus auf Augenhöhe mit Tesla und chinesischen Anbietern. Der "Homerun" für die China-Marken sei auch noch nicht vollzogen, so Herrmann: Immerhin würden die Hersteller mit 230 Milliarden US-Dollar subventioniert und die wenigsten davon würden bereits Geld verdienen. Die Frage sei, wie lange China das weiter praktizieren könne. Die Herausforderung sei dennoch groß. 

Statt Klein-Klein eine große Vision

Statt dem bisherigen Klein-Klein und der Politik der kleinen Schritte brauche es nun auch in der EU einen Masterplan und mutige Schritte. Vor allem im Bereich Software müsse nach dem Vorbild China stärker zusammengearbeitet werden: Hier gebe es eine Software-Plattform für alle Hersteller. Es gelte auch das Motto "the winner takes it all" und die Euro-Anbieter müssten ihre Kräfte bündeln statt einzeln an Plattformen zu arbeiten, siehe Cariad-Debakel bei VW.

Auch im Bereich automatisiertes Fahren gebe es zu viele Parallelprojekte in der EU und andererseits deutlich weniger Mittel für selbige: 80 Projekte zum autonomen Fahren würden mit gerade einmal 800 Mio. Euro unterstützt, während China in wenige Projekte 16 Milliarden Euro stecke. Beim Thema Akku freilich sei Europa so weit abgehängt, dass es schwer werde, die Lücke zu schließen. Allenfalls die Meldung von Fortschritten beim Feststoffakku, die jüngst etwa VW vermeldete, machten ihm Hoffnung, so Herrmann. 

In der Analyse sieht Herrmann die einstige Stärke speziell deutscher Marken in China jetzt als Schwäche: Die ältere Generation habe es als Prestigeobjekt empfunden, ein westliches Auto zu fahren, die neue Generation will im Gegenteil selbstbewusst chinesische Produkte fahren. 

Bernreiter findet, die Politik tut genug

Zumindest in der Zielsetzung war sich Herrmann damit einig mit dem bayerischen Verkehrsminister Christian Bernreiter, der in einem Grußwort zur Veranstaltung betonte, es gelte, die Entwicklung und Produktion in Bayern, Deutschland und der EU zu sichern. Man fördere von Seiten der Staatsregierung daher Projekte etwa zum automatisierten Fahren, zum KI-Einsatz in der Mobilität, Sharing oder nachhaltige Logistiklösungen, verwies Bernreiter. Die Autoindustrie sei speziell in Bayern unabdingbar, wie auch das Auto im ländlichen Raum unverzichtbar. Gleichwohl gelte es, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Das müsse allerdings "technologieoffen" geschehen. Ziel sei es, dass alle Bürgerinnen und Bürger die freie Wahl zwischen den Verkehrträgern hältten. 

Der Verkehrssektor muss endlich liefern

Dass der Verkehrssektor die Emissionen senken muss, liegt auch für Laudatorin und Jurorin Christine Völzow von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft auf der Hand. Trotz Innovationen seien die Emissionen hier, anders als im Energiesektor eben nicht gesunken. Es brauche aber eben mehr erneuerbare Energien auch im Verkehrssektor. Nun gelte es, alles auf einmal zu machen: Neben dem Ausbau der Netze und Speicher beim Strom auch die Ladeinfrastruktur aus- und aufzubauen. Gleichzeitig benötige man sofort wirksame Lösungen, wie sie etwa die mit dem 43. KS Energie- und Umweltpreis ausgezeichnete Softwar DepotFinity von Siemens. Diese lasse sich sofort anwenden und sei perspektivisch an steigenden Bedarf adaptierbar. Funktionalitäten wie "Peak Shaving", sprich das Ausgleichen von Ladespitzen oder "Time Shifting", das Verlagern von Ladevorgängen in PV-Strom-reiche oder günstige Tageszeiten würden Flotten sofort bei der Transformation helfen, wie der Hersteller warb. 

Auch Reifen könnten dabei einen Beitrag leisten, die Mobilität in Richtung Klimaneutralität zu bringen, lobte Juror Dieter Anselm, früherer Leiter des Allianz Zentrum für Technik den weiteren Preisträger Continental für seinen UltraGrip NXT, der einen hohen Anteil nachwachsender oder recyclierter Materialien verwendet. Exemplarisch zeigt der Pneu, wie es gehen könnte, mit den nachhaltigen Mobilitätslösungen "made in Europe", wie Projektleiterin Kristina Kumme von Conti darlegte: Klimaneutralität, Zirkularität, Emissionsfreie Mobilität und das alles in einer verantwortungsvollen Wertschöpfungskette. Das wolle man nun in die Breite bringen. Und zugleich immer weiter entwickeln. Wie gesagt, es ist noch nicht zu spät für Europa.