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17. Wissenschaftsforum der Mobilität: Konflikte gehören dazu, trotzdem gilt - Machen!

Nach einem Tag mit über 60 Vorträgen von Mobilitätsforschern unterschiedlicher Fachrichtungen (Ökonomie, Ingenieurwissenschaften, Stadtplanung, Informatik, Soziologie) von Universitäten und Bildungseinrichtungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum fasste ein Abschlussplenum alle Inhalte zusammen – mit erstaunlichem Ergebnis.

Das Abschlusspodium trug die wichtigsten Learnings auf einer Folie zusammen. | Foto: Universität Duisburg-Essen
Das Abschlusspodium trug die wichtigsten Learnings auf einer Folie zusammen. | Foto: Universität Duisburg-Essen

Die Frage aller Fragen des 17. Wissenschaftsforums lautete: „Was ist aus Ihrer Sicht der Kernkonflikt im Hinblick auf eine nachhaltige Mobilität der Zukunft und wie können wir ihn lösen?“ Die Antworten waren klar und gut zusammengefasst.

Als Ergebnis des Auftaktplenums am Vormittag mit dem Key Note Redner und Zukunftsforscher Lars Thomsen (future matters AG), Prof. Dr. Michael Roos, Lehrstuhl Makroökonomik, Ruhr-Universität Bochum, Roland Werner, Sen. Director, Head of Government Affairs & Policy, DACH, Southern & Central Europe, Uber und Utz Rachner, Country Manager Germany, SAIC MAXUS Europe SARL, moderiert durch Frau Prof. Margret Borchert, Lehrstuhl für Personal und Unternehmensführung der Universität Duisburg-Essen wurde zusammengefasst:

  • Es gilt mutig weiter, größer und über Systemgrenzen hinweg zu denken, um neue Handlungsoptionen zu schaffen
  • Manche Lösungen sind bekannt und vorhanden, werden nur noch nicht umgesetzt
  • Deshalb gilt es internationale Erfahrungen in den nationalen Kontext übertragen
  • Nachhaltigkeit entsteht durch Interdisziplinarität, z.B. die Kombination von Energie, Mobilität und Industrie, bidirektionales Laden ist hier ein Beispiel
  • Die Börse würdigt nachhaltige Innovationen

Danach gab es ein Abschlusspanel moderiert vom Chefredakteur der VISION Mobility, bei dem Prof. Dr. Helena Wisbert, Fachgebiet Automobilwirtschaft der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg den Track 1 (Mobility Management) zusammenfassen sollte. Sie vertrat damit die BWL-Sicht mit Fokus auf der Autoindustrie.

Prof. Dr.-Ing. Benedikt Schmülling, vom Lehrstuhl für Elektromobilität und Energiespeichersysteme der Bergischen Universität Wuppertal fasste den Track 2 (Mobility Engineering) zusammen und ergänzte die technische Perspektive.

Einen ganz anderen Blick auf Track 3 (Urban Mobility) brachte Prof. Dr. Jens S. Dangschat als Soziologe und emeritierter Universitätsprofessor des Departments of Spacial Development der Technischen Universität Wien ein.

Den Track 4, IT and Services for Mobility, fasste Prof. Dr. Pedro J. Marrón, aus der Arbeitsgruppe Networked Embedded Systems sowie Prorektor für Transfer, Innovation & Digitalisierung der Universität Duisburg Essen zusammen.

Für den Track 5, Competition and Support for Mobility, stand Prof Dr. Dr. h. c. Uwe Götze Rede und Antwort, der die Professur Unternehmensrechnung und Controlling inne hat sowie Prorektor für Transfer und Weiterbildung an der Technischen Universität Chemnitz ist.

Die Frage an Frau Prof. Wisbert lautet: „Was sind nach der Diskussion in Track 1 (Mobility Management) aus Managementsicht Konflikte und Lösungsstrategien auf dem Weg in eine nachhaltige Mobilität?

Wozu Wisbert die Eindrücke und Ideen nur so heraussprudelten, auch wenn sie einräumen musste, dass die Autobranche aktuell sehr gefordert ist: CO2 muss runter, Elektromobilität ist das Gebot der Stunde, aber die Kundenbedürfnisse und Märkte sind heterogener denn je. Aber: Tatsächlich gibt es in der Autoindustrie viele Ideen und Ansätze, den Wandel weiterzutreiben und durchaus innovative und vielversprechende Ansätze mit Multi-Energy-Plattformen und dem Einsatz von KI und der Einbindung in Gesamtnetze. Auch in Sachen Software und beim autonomen Fahren sieht Wisbert Europas Autoindustrie durchaus auf Kurs. Wesentliches Ergebnis der Diskussionen in Track 1 war wohl, dass die Investitionen eher in die Transformation, denn in Wachstum erfolgen sollten, weil sich mit der Transformation neue Marktchancen ergeben.

Technisch liegen alle Karten auf dem Tisch – und werden auch gespielt.

Hier stimmt Prof. Schmülling zu: Die Frage an ihn war, ob er nach der Diskussion Track 2 (Mobility Engineering) dem Zukunftsforscher Thomsen zustimmen würde, dass die derzeit entwickelten Technologien Konflikte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität lösen können? Ja! Tut Schmülling, der seinen Schwerpunkt beim Thema Akku und Speicher hat – und in diesem Bereich seien bereits viele Voraussagen der Vergangenheit Realität geworden: So seien Langstreckenfahrten wegen größerer Akkukapazitäten und noch schnellerer Schnelllademöglichkeiten kein Problem mehr, auch Nutzfahrzeuge fahren verstärkt elektrisch und die Preise der Elektromobilität würden sinken. In Wuppertal beobachtet er ebenfalls eine Umstellung: Die Jugend nutzt die elektrischen Scooter, die überall herumstehen – niederschwellige Elektromobilität. Womit auch das Thema Ride Hailing und –Sharing weitergetrieben würde. Und ja, aus technischer Sicht hätte man großes Potenzial, Konflikte zu lösen.

Unter soziologischen Aspekten lassen sich viele Konflikte nicht einfach auf die Seite räumen.

Da schüttelt Prof. Dangschat nur den Kopf, denn für den Soziologen ist das Thema weitaus vielschichtiger. Die Frage zum Track 3 (Urban Mobility) lautet: Wie bekommen wir das komplexe Problem sehr unterschiedlicher Interessen gerade in Städten gelöst? Worauf Dangschat für Europa ein „eher gar nicht“ in den Raum stellt, denn: Demokratien bedürfen immer der Diskussion und die kann sehr kontrovers sein. Und da jeder Mensch leider „seine“ Wahrheit als die einzig Richtige sieht, gibt es innerstädtisch ständig Zielkonflikte: Die einen wollen mehr grün, die anderen wieder mehr Platz für Autos, wobei Dangschat zu letzterem Aspekt „als Soziologe nichts mehr einfällt“…denn  selbst E-Autos sind teuer und verbrauchen viel Fläche. Weshalb er durchaus für einen Ansatz plädiert, der bisherige Erkenntnisse auch umsetzt. Und er räumt ein, dass sich autokratische Systeme beim Umbau von Systemen natürlich leichter tun. Weshalb China hier gute Karten hat und auch die USA sich mit autokratischen Zügen leichter tun bei der Umsetzung von Gesetzen. In Europa kann es nur einen Weg geben: die nicht rational handelnden Menschen verstehen, um sie zu ändern. Dabei gilt es Mut zu machen und zu experimentieren.

Aus IT-Sicht gilt: Öfter einfach mal machen und Fehler als „Learnings“ sehen.

Womit wir von der Soziologie in die IT wechseln und Prof. Marrón liegt hier näher an Prof. Schmülling. Die Frage an ihn lautete nach der Diskussion in Track 4 (IT and Services for Mobility), ob die IT ein Mediator der Konflikte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität sein kann. Marrón lächelt nur und bejaht dies, denn programmieren kann man grundsätzlich fast Alles. Aber: Man muss es eben auch tun! Der gebürtige Spanier der auch in den USA studierte und lehrte und erst jüngst wieder im Silicon Valley war, stellte einmal mehr fest, dass man dort viel schneller ausprobiert und selbst „Failures“ als „learning“ sieht. Weshalb er sich wünscht, in Europa einfach mutiger zu werden und mehr IT Lösungen auszuprobieren.

Klar ist: Der Wandel kostet, kann aber auch gerechnet werden

Wobei ihm Prof. Götze grundsätzlich zustimmt. Er erhielt nach der Diskussion in Track 5 (Competition and Support for Mobility) die Frage, welche Methoden wir zur Entscheidungsunterstützung haben, um die Konflikte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität umfassender angehen zu können? Götze, der die Professur für Controlling und Unternehmensführung an der TU Chemnitz innehat, schränkt Marróns Aussage nur dahingehend ein, das es sich rechnen muss. Wobei er grundsätzlich der Meinung ist, dass man eben einen Wandel, so er gewünscht ist, grundsätzlich auch gut rechnen könne. Dabei sei eine multikriterielle Bewertung wichtig, um die Konflikte zu verringern, da bislang die ökonomische Betrachtung gegenüber ökologischen und sozialen Bewertungen dominiert.

Die abschließende Frage an alle, die sich auf die Konflikte in der Geopolitik bezieht, lautet: Wie viel Kraft kann oder sollte Europa für die Lösung von Konflikten hin zu einer nachhaltigen Mobilität aufwenden? Alle! Denn Europa ist kreativ und flexibel – muss aber endlich mit einer Stimme sprechen und ins Machen kommen!

Was bedeutet das?

Das 17. Wissenschaftsforum der Mobilität hatte durchaus einen kritischen Unterton: Dass das Thema „Konflikte“ aktueller denn je sein würde, sah die Organisatorin Prof. Dr. Proff bei der Planung damals nicht voraus. Und es war mutig, das Thema Konflikte bei der Mobilitätswende zu adressieren – aber spannend, gemeinsam nach Lösungen dafür zu suchen und diese für viele Punkte auch zu finden!