Auf Ministergeheiß: Südtirol schaltet feste Blitzer vorübergehend ab
Mitten im sommerlichen Ferientrubel – wenn der Verkehr rollt, die Nerven blank liegen und Tempolimit-Überwachungen besonders wichtig (und einträglich) wären – verabschieden sich Südtirols fest installierte Radarfallen kollektiv in den Standby-Modus. Grund dafür ist kein technischer Defekt, sondern ein ministerieller Eingriff von ganz oben.
Und das tut finanziell weh: Den Radarfallen lassen die Gemeindekassen klingeln, selbst wenn sie in Italien in grellem orange von weither sichtbar sind. Allein 2024 kassierten Italiens Kommunen über 1,7 Milliarden Euro an Bußgeldern. Dabei lag Mailand mit 204 Millionen Euro an der Spitze, gefolgt von Rom (145,8 Mio.) und Florenz (61,6 Mio.). Aber selbst kleine Gemeinden können ihre klammen Haushaltskassen dank der Blitzer gut auffüllen: Das 465-Seelen-Dorf Carrodano nahm mit einem einzigen Blitzer rund 807.000 Euro ein, Colle Santa Lucia immerhin 671.000 Euro – damit haben sich die Blitzer schnell amortisiert. Doch in Südtirol stoppt ein Ministerdekret jetzt den Geldfluss.
Blitzer-Pausr auf Anordnung des Verkehrsministers
Wie RAI Südtirol berichtet, betrifft die „Pause“ sämtliche fest installierten Speedcheck-Säulen in der Region. Laut Christian Carli, Präsident der Südtiroler Ortspolizei, hängt das kollektive Blitzer-Schweigen mit einem neuen Dekret von Verkehrsminister Matteo Salvini zusammen. Dieses schreibt vor, dass stationäre Geschwindigkeitskontrollen nur noch dort erlaubt sind, wo die Präfektur ausdrücklich grünes Licht gibt. Und eben diese Freigaben stehen in Südtirol bislang noch aus.
Und jetzt darf der Amtsschimmel wild herumgaloppieren, denn bevor wieder geblitzt werden darf, muss der zuständige Regierungskommissar anhand von Unfall- und Verkehrsdaten exakt definieren, auf welchen Straßen Radarfallen sinnvoll und erlaubt sind. Bis dahin bleibt die Technik aus – und Temposünder könnten sich kurzzeitig unbeobachtet fühlen. Carli sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen:
„Die Speedcheck-Säulen sind keine Gelddruckmaschinen, sondern ein Werkzeug für die Verkehrssicherheit.“
Gerade in der Reisezeit, wenn auf Südtirols Straßen Ausnahmezustand herrscht, sei der Wegfall präventiver Kontrollen „alles andere als ideal“.
Keine Sorge, alles legal – aber bitte mit Typgenehmigung
Doch damit noch nicht genug: Ein weiterer (juristischer) Stolperstein betrifft die technische Zulassung der Blitzer. Nach einem Urteil des italienischen Kassationsgerichts von 2024 dürfen nur noch „typengenehmigte“ Geräte verwendet werden. Wer also mit einem „nur zugelassenen“ Blitzer arbeitet, riskiert, dass die ausgestellten Bußgeldbescheide rechtlich wackeln – und teuer zurückgezahlt werden müssen.
Aber in diesem Punkt gibt Carli Entwarnung: In Südtirol werde ausschließlich mit gesetzlich korrekt homologierten Geräten geblitzt – samt jährlicher technischer Überprüfung. Bereits bei der Beschaffung sei die entsprechende Zulassung Pflicht. Anders als in Treviso, wo ein nicht korrekt gewartetes Gerät tausende Bußgeldbescheide ins Wanken brachte, sieht man sich in Südtirol also auf der sicheren Seite.
Neue Spielregeln für Blitzer – Transparenz statt Überraschung
Die Abschaltung in Südtirol ist kein Einzelfall, sondern Teil einer landesweiten Reform: Seit dem 12. Juni 2025 gelten in Italien neue, einheitliche Vorschriften zur Aufstellung von Blitzern. Ziel: Willkürliche oder „strategisch günstige“ Standorte (vorzugsweise an abschüssigen Ortsausgängen) sollen der Vergangenheit angehören.
Die wichtigsten neuen Regeln im Überblick:
- Ankündigungspflicht: Blitzer müssen innerorts 200 Meter, außerorts 1.000 Meter vorher per Verkehrsschild angekündigt werden.
- Zulässige Standorte: Nur in Tempo-50-Zonen innerhalb geschlossener Ortschaften dürfen stationäre Geräte installiert werden.
- Mindestabstand: Zwischen zwei Blitzern müssen innerorts mindestens 1 Kilometer, außerorts mindestens 4 Kilometer liegen.
- Tempolimit-Regel: Die erlaubte Geschwindigkeit darf am Blitzer-Standort maximal 20 km/h unter dem allgemeinen Limit liegen.
- Tarnverbot: Versteckte oder getarnte Geräte sind ausdrücklich tabu.
- Mobile Blitzer: Auch sie müssen sich an dieselben Transparenz- und Technikregeln halten.
Der Hintergrund der tatsächlich eher „soften“ Regeln ist der, dass es zu viele Fälle gab, in denen Temposünder nicht durch Sicherheitsdenken, sondern durch kreative Standortwahl zur Kasse gebeten wurden. Besonders spektakulär war der Fall eines Supermarktmitarbeiters, der sich durch einen kaum sichtbaren Blitzer auf dem Weg zur Arbeit satte 28.000 Euro Bußgelder „erfuhr“. Der nationale Aufschrei folgte prompt – und führte nun zur Reform.
In Südtirol allerdings verweist man mit Nachdruck auf den eigentlichen Zweck der Geräte. Gemeindeverbandspräsident Andreas Schatzer betont:
„Uns geht es um Sicherheit und Ordnung – nicht um Einnahmen.“
Was bedeutet das?
Bis das neue Regelwerk in Südtirol umgesetzt und die entsprechenden Straßen offiziell freigegeben sind, bleiben die Speedcheck-Säulen im Dornröschenschlaf. Wer jetzt also Gas gibt, sollte sich trotzdem nicht zu sicher fühlen – denn irgendwann sind sie wieder da: wachsam, homologiert und künftig immer gut sichtbar. Und: Südtirol kann immer noch gut sichtbar mobile homologierte Blitzer aufstellen!