VM-Sitzprobe Lamborghini Temerario: Elektrisierende Ergonomie
Auch wenn reine E-Motoren bei Supersport- und Hypercars verpönt sind: Als Booster und Rangierhilfe gehören sie mittlerweile zum guten gepflegten Ton. Auch bei Lamborghini, wo man schon vor einem Jahr das Tuch vom Temerario zog, dem neuen „Einstiegssportwagen“, der mit 920 PS Systemleistung, einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 2,7 Sekunden und 343 km/h Topspeed klotzt – ab knackigen 307.500 Euro beginnt.
Der Verbrenner kann fünfstellig drehen!
Der Hochdrehzahl-V8, dessen Hubraum von 3.996 Kubikzentimeter den Konzern-Vierliter verrät, der auch in schnöden Audis Dienst tut, wurde mit zwei Turbos und allerlei Eingriffen auf 800 PS gebracht – die Maximalleistung liegt erst ab 9.000 (!) Touren an. Die E-Motoren erledigen den Rest: Allradantrieb bei Bedarf, elektrisches Boosten und sogar leises Cruisen im Città-Modus.
Wir nehmen Platz und sind erstaunt über die stimmige Ergonomie: Selbst wenn man noch nie in einem Lamborghini saß, findet man sich sofort zurecht und findet auch als großer Fahrer sofort eine sehr stimmige Sitzposition. Am Lenkrad gibt es viele Einstellrädchen – Lambo widerstand der Versuchung, ZU viel auf den Zentralscreen zu packen. An denen dreht man 13 Fahrmodi von Stadt bis Corsa Plus, Driftmodus inklusive, sogar einen EV-Button, mit dem man auch „rechargen“ kann.
Ansonsten wirkt das Ganze luxuriös-futuristisch. Drei Displays, auch ein kleines für den Beifahrer und ein übersichtliches Cockpit, in dem Fast keine Konzerngleichteile findet. Sehr nett sind die schweren Metallteile auf der Mittelkonsole, um den Startknopf abzudecken oder den Warnblinker zu bedienen – das zu spüren macht einfach Spaß!Auf dem Zentralscreen achtete man auf große Touchflächen, die man auch in Fahrt trifft und: Logisch aufgebaute Menüs. So kann man in Ruhe ins Soundsystem von Sonus faber abtauchen, falls einem der V8 mal ein bisschen zu nervig wäre.
Und bei Bedarf (vor allem auf dem spielfreudigen chinesischen Markt) fängt eine Vision-Unit mit Dashcam, Telemetrie und Emotion-Cam alles ein – inklusive Mitfahrer-Reaktionen bei Vollgas… hier steigen wir etwas tiefer ein: Piloten und Pilotinnen können nicht nur Strecke, Rundenzeiten und Sektoreninfos abrufen, sondern sich auch mit einer Referenzzeit direkt Feedback zur eigenen Performance holen. Lamborghini Telemetry 2.0 basiert auf der Version des Huracán STO und kennt über 150 Rennstrecken weltweit – inklusive Varianten, versteht sich.
Mehr Daten für sämtliche Rennstrecken - die man per App teilen kann
Aber natürlich packte man auch hier nochmal ordentlich drauf: es gibt noch mehr Daten, darunter Reifendruck und Eingriffe der Elektronik. Und wer’s nicht eben nur schnell, sondern auch filmreif mag: Die ins LAVU-System integrierten Kameras nehmen das Fahrerlebnis auf – direkt im Display abspielbar oder per Unica-App analysierbar. Letztere koppelt Fahrdaten sogar mit der Herzfrequenz via Apple Watch. Und dank des Inputs der Lamborghini Squadra Corse soll die App jetzt noch benutzerfreundlicher sein. Streckenkarte, Video-Erkennung und Fahrdaten wurden visuell clever verpackt – inklusive Videoeditor mit Vorlagen, Widgets und Rahmen in einem Look nach Wahl. Dabei lassen sich bis zu zwei Minuten Fahrspaß lassen sich als Highlight-Clip speichern und über die App teilen. Und das ganz individuell: Kameraansicht, Infos im Bild, Format – alles einstellbar - Lamborghini denkt da auch für die Postproduktion mit.
Und die Dashcam-App bringt Rennsport und Sicherheit unter einen Helm: Drei Kameras überwachen durchgehend, und bei einem Vorfall wird automatisch eine Minute Video gespeichert – inklusive 40 Sekunden vor dem Ereignis. Abrufbar direkt im Fahrzeug oder über die App.
All das kann man, muss es aber nicht nutzen. Unser erster Eindruck ist jedenfalls positiv: Mit dem neuen Temerario kann man digital und elektrisch mehr denn je machen, muss es aber nicht. Bevor wir Aussteigen ein kurzer Blick in die Spiegel innen und außen – und ja, man könnte ganz zur Not sogar mit diesen Einparken. Womit sich der Kreis der Vernunft schließt.
Wir öffnen die Tür, tun uns auch beim Aussteigen erstaunlich leicht und freuen uns über die elektrisierende Passion, die Lamborghini beim Temerario walten ließ, auch wenn hinter den Passagieren jetzt nur noch acht statt zehn Töpfe aufspielen!
Was bedeutet das?
Auch Lamborghini elektrisiert seine Palette. Erstmal vorsichtig, aber gekonnt und im Falle des Temerario fast schon vernünftig. Was ihn aber einfach zu einem guten Auto macht. Wild, aber um ganz ehrlich zu sein, nicht zu wild, um damit auch mal leise zum kleinen Einkauf zu rollen.