PKW

VM-Visite Kia360: Bewegung als Treiber für Inspiration und Motto der Markenwelt

Eine Marke erfindet sich neu: Mit dem Wechsel der Corporate Identity im Jahr 2021 startete auch eine neue Markenwelt im Herzen von Seoul, in dem man auf das erstaunlich facettenreiche Erbe der „kleinen“ Hyundai-Schwester verweist. Ohne zu protzen. Ein Einblick in „Kia360“.

Spacig: Die Architektur der Kia360-Markenwelt setzt ein Highlight in den Straßen von Seoul, die häufig von grauen Hochhausblöcken gekennzeichnet sind. | Foto: J. Reichel

Also auch Kia: Wie mancher andere Autohersteller haben die Koreaner mit Fahrrädern ihre mobile Firmengeschichte begründet. Das kann man in der neuen, 2021 eröffneten Markenwelt Kia360 im hippen Gangnam-Viertel auf 1.900 Quadratmetern in einem – natürlich – „immersiven Erlebnis“ in drei „Zonen“ erfahren: Brand & Design, EV Life und Kia User. "From Moments to Movement" lautet das sinnfällige Motto. Der imposante Bau steht als architektonisches Symbol für die großen Ambitionen der kleinen Hyundai-Schwester und ragt wie ein stahlglänzendes Raumschiff in den Stadtraum. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg war das Fahrrad nun mal die günstigste Methode, die Menschen in Bewegung zu setzen. 

Der Weg vom „simplen“ und muskelbetriebenen Fahrrad bis zu den heutigen Hoch-Volt-High-Tech-Stromern wie dem EV6, EV3, EV4, EV9 oder nun auch dem Van PV5 war ein weiter, teils auch holpriger. Vor allem in den 70er-Jahren, als die Regierung wegen der Ölkrise das mittlerweile über den Umweg der motorisierten Dreiräder – Kia baute mit dem T-Series eine Art Tempo-Roller des fernen Ostens – gestartete Bauen von Pkw verboten hatte, musste man sich etwas einfallen lassen. 

Und verlegte sich auf den Bau von Transportern wie dem für die Firmengeschichte zentralen „Bongo“. Der bildet die ideelle Klammer in die Gegenwart und spannt den Bogen zum PV5, mit dem man an die durchaus vorhandene Linie leichter Nutzfahrzeuge anknüpfen will, die vom Bongo (ab 1981) über den Pregio und Besta bis zu dem auf der High-Tech-Plattform e-GMPS basierenden Elektrotransporter reicht. In der Markenwelt trägt man dem mit einem „geretteten“ metallicblauen Bongo 9 mit Kiamaster-Schriftzug in „Superdeluxe“-Ausstattung Rechnung.

Lizenzbau für Mazda und Honda

Mit dem Lizenzbau für Honda und Mazda hatte einst der Autobau angefangen, später legte eine eigene Forschung und Entwicklung den Grundstock für die eigenständigen Produkte. Die bestachen im weiteren Verlauf vor allem mit Qualität und einer Sieben-Jahres-Garantie, setzten aber etwa mit dem Kia Sportage und Carens auch schon eigene Akzente. Im nächsten Schritt läutete man die Phase eigenständigen Designs ein ab 2006, ab 2010 entwickelte man einen globalen Managementplan, um über Korea hinaus zu expandieren.

Das klappte dann schon so gut, dass man 2021 einen kompletten Reset wagte, Logo und Erscheinungsbild umkrempelte und seither als die „coole“ kleine Schwester der eher „seriösen“ und bisher dominierenden Brudermarke Hyundai gilt, die versucht, designmäßig die „Gegensätze zu vereinen“ („opposites unite“), wie das im Gestaltersprech heißt. Gleichzeitig damit einher ging der „Switch to electric“, den Kia wie kaum eine andere Marke vollzieht. Umsatz, Gewinn und Markenwert stiegen seither mächtig an: 309.000 Fahrzeuge setzte man 2024 nach vier Jahren Wachstum in Folge ab, fuhr mit einer deutlich auf 11,8 Prozent gesteigerten Marge ganz vorne mit bei den Volumenherstellern und hatte den Markenwert binnen zwölf Jahren verdoppelt auf 8,1 Milliarden US-Dollar.

Jeder Zweite denkt bei E-Autos an Kia

Stolz verweisen die Verantwortlichen darauf, dass man beim Thema „unaided awareness“, also, welche Automarke einem spontan in den Sinn kommt, mittlerweile Platz 5 belegt, und welche EV-Marke einem spontan einfällt, gar Platz 2. Sogar wenn man den neuen Schriftzug mit den in verfließenden Buchstaben fälschlich als „KN“ identifiziert, wird die Marke genannt, erfährt man. Kaum einer wird dabei erinnern, dass man bereits 1993 vom seit 1987 recht erfolgreichen Kleinwagenmodell Pride eine EV-Version vorstellte, deren etwas dürre Reichweite von 100 Kilometern immerhin von in Dach und Blech verbaute Solarpaneele um 16 Kilometer gepimpt wurde.

Mit den PBV genannten leichten elektrischen Nutzfahrzeugen knüpft man in gewisser Weise also bei Bongo und Besta an, wagt aber zugleich etwas völlig neuartiges, was vor allem in Sachen Design mit den sonstigen Sehgewohnheiten der eher bieder und pragmatisch gestalteten Kastenwagen bricht, zudem erstmalig in der Branche auf ein komplett elektrisches und modulares Konzept setzt, dass ausgehend vom PV5-Erstling über den PV7 (ab 2027) bis zum PV9 und später vielleicht einem PV3 eine ganze Vanfamilie werden soll. 

Neue Wege mit Vans und Pick-ups

Aber auch produktionstechnisch will man neue Wege gehen: Weg vom „Ford Model T“-Prinzip („Sie können jede Farbe haben, Hauptsache, es ist schwarz“), hin zu einer möglichst flexiblen, sozusagen individualisierten Massenproduktion, die bis hin zur ab Werk realisierten Firmenbedruckung alles liefert. Das brandneue Evo-Werk in Hwaseong südlich von Seoul soll hierfür die Basis bilden, es ist für 100.000 PV5-Modelle ausgelegt, zudem werden hier vom neuen Pick-up Tasman 70.000 Modelle gefertigt.

Nicht als simple, aber als „den Alltag vereinfachende“ Marke will man wahrgenommen werden, erklärt der Markenweltverantwortliche. Zudem schreibt man sich die Attribute „progressiv“, „nachhaltig“ und „unkonventionell“ auf die Fahnen. Eine interne Vorgabe besagt angeblich, dass die „kleines Schwester“ nie heller strahlen darf als der „große Bruder“. Bei so viel Ambition gepaart mit Inspiration könnte das schwer werden. Mal sehen, wie man in zehn Jahren auf diese nächste Phase der „mutigen Schwester“ blicken wird.