Straßengüterverkehr: Nanno Janssen elektrifiziert Fernverkehrsflotte mit eActros 600
Die Spedition Nanno Janssen aus Leer in Niedersachsen stellt ihre Fahrzeugflotte schrittweise auf batterieelektrische Lkw um. Derzeit sind 27 der insgesamt 75 firmeneigenen Fahrzeuge elektrisch betrieben. Laut einer aktuellen Pressemitteilung von Mercedes-Benz Trucks soll die Zahl bis Ende 2025 auf 50 steigen. Damit würde mehr als die Hälfte des Fuhrparks elektrisch fahren.
Keine weiteren Dieselbeschaffungen geplant
Die Spedition schließt den Angaben zufolge aus, weitere Diesel-Fahrzeuge in die Flotte aufzunehmen. Die einzige Ausnahme ist der Transport von Pyrotechnik der Gefahrgutklasse 1, der aktuell mit batterieelektrischen Fahrzeugen rechtlich nur eingeschränkt möglich ist.
Initiator für den Einstieg in die Elektromobilität war den Angaben zufolge Nanno Janssen junior, der vor drei Jahren seine Tätigkeit von als Assistent der Geschäftsführung aufnahm. Die damalige Förderung durch das KsNI-Programm sei der finanzielle Anreiz gewesen, zunächst 20 E-Lkw zu beantragen.
Übernahme und Schulung im Werk Wörth
Im Juni 2025 übernahm die Spedition die ersten fünf von zehn bestellten eActros 600 im Mercedes-Benz-Werk Wörth am Rhein. Die Fahrer des Unternehmens erhielten dort eine technische Einweisung. Mercedes-Benz Trucks zufolge finden die Übergaben batterieelektrischer Fahrzeuge in Deutschland überwiegend im Werk Wörth statt. Wie das Unternehmen verlauten lässt, sind Schulungen zur neuen Fahrzeugtechnik und zum Ladeverhalten besonders in der Anfangsphase wichtig.
Eigener Ladepark am Firmensitz
Wenige Tage nach der Fahrzeugübernahme nahm die Spedition Nanno Janssen einen Ladepark am Standort Leer in Betrieb. Die Anlage verfügt über zehn Ladesäulen mit jeweils zwei Ladepunkten à 300 kW und ist mit einem Netzanschluss von 4 MW ausgestattet. Ein Batteriespeicher mit 1,3 MW Leistung sowie eine 800 kWp-Solaranlage ergänzen die Ladeinfrastruktur. In der Pressemitteilung weist Daimler Truck darauf hin, dass nicht alle Fahrzeuge gleichzeitig laden, da sie die meiste Zeit im Einsatz sind. Der Ladepark sei damit auch auf zukünftige Anforderungen vorbereitet.
Erste Erprobung unter Realbedingungen
Die Fahrer überführten die neuen eActros 600 ohne Auflieger vom Werk in Wörth nach Leer. Dabei machten sie einen geplanten Zwischenstopp am Ladepark „Seed & Greet“ am Autobahnkreuz Hilden. Nanno Janssen zufolge lag der Verbrauch auf dieser Fahrt bei 60 kWh pro 100 km, bei angezeigten 1.000 km Restreichweite. Der Stopp diente als angekündigter Stresstest der Ladeinfrastruktur, organisiert unter Mitwirkung des Fahrers Tobias Wagner. Die Ladeeinrichtung von Fastned bewältigte den Test nach Angaben des Unternehmens problemlos.
Einsatz im bundesweiten Fernverkehr
Die Fahrzeuge sind bundesweit im Fernverkehr im Einsatz. Geladen wird hauptsächlich an öffentlichen Ladesäulen. Da sich die Ladeprozesse nicht fernsteuern lassen, erhalten die Fahrer mehrere Apps zur Hand, mit denen sie selbst geeignete Ladesäulen und günstige Tarife finden. Vollladungen erfolgen in der Regel über Nacht, Zwischenladungen während der gesetzlich vorgeschriebenen Pausen.
Fahrerakzeptanz und Betriebserfahrungen
Die Spedition berichtet über eine hohe Akzeptanz unter den Fahrern. Tobias Wagner, Berufskraftfahrer und Betreiber eines YouTube-Kanals mit rund 60.000 Abonnenten, wir in der Pressemitteilung zitiert:
„Ich genieße jede Sekunde in dem neuen Lkw.“
Nach Angaben der Geschäftsführung wolle nach spätestens zwei Wochen niemand mehr auf ein Dieselfahrzeug zurückwechseln. Die Fahrer schätzten besonders den Geräuschkomfort, die Fahrdynamik und die sauberen Ladebedingungen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ließen sich Janssen zufolge trotz höherer Anschaffungskosten über die Lebensdauer ähnliche Kilometerkosten wie beim Diesel erreichen, da die variablen Kosten niedriger seien.
Technische Eckdaten des eActros 600
Der eActros 600 verfügt über drei Batteriepakete mit je 207 kWh, was einer installierten Gesamtkapazität von 621 kWh entspricht. Die Batterien nutzen Lithium-Eisenphosphat-Zelltechnologie (LFP) und ermöglichen dem Hersteller zufolge mehr als 95 Prozent der installierten Kapazität zu nutzen.
Die Reichweite liegt bei bis zu 500 km unter praxisnahen Bedingungen mit einem Gesamtzuggewicht von 40 Tonnen. Laut der Pressemitteilung kann das Fahrzeug bei vorhandenem Ladeangebot über 1.000 km pro Tag absolvieren, da Zwischenladungen während gesetzlicher Pausen möglich sind. Die technische Auslegung erlaubt ein Gesamtzuggewicht von bis zu 44 Tonnen. Die Nutzlast liegt in der EU bei rund 22 Tonnen, wobei nationale Regelungen auch höhere Nutzlasten zulassen können.
Unternehmensprofil
Die Spedition Nanno Janssen wurde 1896 gegründet und befindet sich in vierter und fünfter Generation im Familienbesitz. Der Hauptsitz ist in Leer, ein weiterer Standort besteht in Fulda. Das Unternehmen beschäftigt rund 120 Mitarbeitende in Leer und 20 in Fulda. Neben Spezialtransporten wie Anlagen für Wind- und Solarenergie sowie Maschinen bietet die Spedition auch Lager- und Kontraktlogistik auf 25.000 Quadratmeter Fläche an. Im Bereich Möbel- und Umzugslogistik ist das Tochterunternehmen Cornelius Bordeaux aktiv, dessen Gründung auf das Jahr 1893 zurückgeht.