LKW

Knorr-Bremse: Japanischer Nfz-Hersteller ordert Lenk- und Bremssysteme für autonome Lkw

Ein großer japanischer Fahrzeughersteller bestellt bei dem Münchner Zulieferer Lenkungs- und Bremssysteme für den Automatisierungslevel 2 und 4. Die Investition in dreistelliger Millionen-Euro-Höhe soll in ein Entwicklungsprojekt für autonom fahrende Trucks gehen.

Eine Niederlassung von Knorr-Bremse am Hauptsitz in München. | Bild: Knorr-Bremse.

Zur Entwicklung von Bauteilen unter anderem für hochautomatisierte Lkw (HAD – Highly Automated Driving) hat ein großer japanischer Fahrzeughersteller bei Knorr-Bemse Lenkungs- und Bremssysteme der Automatisierungslevel 2 und 4 bestellt. Sie sind zum Einsatz in schweren und mittelschweren Lkw für die Märkte in Japan, Südostasien und den USA bestimmt. Laut Meldung des Münchner Konzerns beläuft sich der Auftrag auf ein Gesamtvolumen „im unteren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich“. Lieferbeginn soll 2028 sein.

Bei der Bestellung handelt es sich um die entsprechende Ausstattung für rund 1.100 Nutzfahrzeuge, dazu L2-Brems- und Lenkungssysteme für das Lkw-Seriengeschäft, heißt es. Level 2 stellt eine partielle Automatisierung dar, wie sie zum Beispiel Spurhalteassistenten erreichen. Bei Level 3 übernimmt das System das Steuer beispielsweise im zähen Verkehr oder eintönigen Fahrten auf der Autobahn – in der Regel beschränkt auf eine niedrige Geschwindigkeit. Bei Level 4 geht es bereits um Hochautomatisierung, die autonome Fahrmanöver und Hub-to-Hub Warenumschlag-Transporte umfasst. Hier könnte ein Fahrer noch eingreifen. Die letzte Stufe Level 5 würde komplett fahrerlosen Mobilität ohne Einschränkungen bedeuten.

Knorr-Bremse will sich im Rennen um das hochautomatisierte Fahren von Lkw mit seinen Komponenten in vorderster Linie positionieren, bestätigt Bernd Spies, Mitglied des Vorstands der Knorr-Bremse AG und verantwortlich für die Division Systeme für Nutzfahrzeuge. Bereits jetzt könne das Unternehmen Bauteile der Automatisierungslevel 2 bis 4 für Lkw zur Verfügung stellen die in der Lage seien, den Fahrbetrieb noch sicherer zu machen:

„Mit unserer Erfahrung in der Aktuatorik besitzen wird das nötige Know-how, um Redundanzsysteme zu realisieren und unsere Kunden damit für SAE-Level 4 zu befähigen.“

Dass das geht, war zuletzt im Atlas-L4-Projekt erfolgreich bewiesen worden, so Spies. Wie berichtet, wurde im Mai 2025 das 2022 gestartete Atlas-L4-Forschungsprojekt beendet, bei dem insgesamt 12 Projektpartner, darunter auch MAN Truck & Bus, den Einsatz von autonomen Lkw im Straßentransport untersuchten.

Auf dieser Linie, so Spies, wolle man bleiben und das Entwicklungsprojekt mit dem japanischen OEM mit gleicher Konsequenz fortsetzen, auch um in dieser Region mehr Marktanteile zu gewinnen.

„Der Auftrag ist eine großartige Bestätigung für unsere enge und vertrauensvolle Partnerschaft mit dem Hersteller. Gleichzeitig ist dieser Auftrag ein weiterer Beleg für unsere ausgezeichneten lokalen F&E- und Produktionsfähigkeiten und stärkt zudem unsere Marktposition in Japan.“

Nun wird mit den Kunden intensiv über die Möglichkeiten im Bereich Hochautomatisiertes Fahren sowie maßgeschneiderte Redundanzkonzepte verhandelt. Ein Ergebnis davon sei der jetzige Auftragseingang, sagt Nils Bielefeld, Managing Director bei Knorr-Bremse Commercial Vehicle Systems Japan. Die Zusammenarbeit betreffe sowohl das L4-Entwicklungsprojekt wie die Ausstattung der L2-Serienplattform, heißt es.

1.100 Fahrzeuge erhalten Level 4-Ausstattung

Weiter berichtet Knorr-Bremse, dass die Ambitionen zur Vorentwicklung autonomer Nutzfahrzeuge – wie schon die Atlas-L4-Kooperation – im Rahmen eines staatlich geförderten Projekts zum Autonomen Fahren des Level 4 stattfinden. Dabei erhalten insgesamt 1.100 Lkw und Busse das redundante Bremssystem rGSBC (redundant Global Scalable Brake Control) sowie das redundante Lenkungssystem rAHPS (redundant Advanced Hybrid Power Steering) von Knorr-Bremse. Die speziell für das Level 4 entwickelten Systeme will man dann laut Angaben in schweren Lkw (HDT; Heavy Duty Truck) und Bussen in Japan sowie in mittelschweren Lkw (MDT; Medium Duty Truck) in den USA einsetzen.

Mehrere Komponenten für Level 2-Plattform

Bei der Technologie des Level 2 handelt es sich laut Unternehmensangaben um Komponenten für eine neue Plattform. Knorr-Bremse hat hierfür einen Seriengeschäftsvertrag für das Standard-Lenkgetriebe RCB (Recirculating Ball Steering; Kugelumlauflenkung) sowie das AHPS (Advanced Hybrid Power Steering; elektrohydraulisches Lenkungssystem) abgeschlossen. Davon seien „zehntausende Systeme jährlich“ vereinbart, heißt es. Bestandteil des Vertrags seien auch die Bremssteuerungs- und Luftaufbereitungssysteme GSBC (Global Scalable Brake Control) und GSAT (Global Scalable Air Treatment) sowie Fußbremsmodule. Diese L2-Brems- und Lenkungssysteme sind für Fahrzeuge in den Märkten in und um Südostasien gedacht, darunter auch Japan, Australien und Neuseeland.

Bremssteuerung GSBC

Knorr Bremse hatte 2021 seine neue Bremssteuerung GSBC herausgebracht, die den Nfz-Herstellern bereits den Boden für künftige Fahrerassistenzfunktionen und hochautomatisiertes Fahren bereitete. Mit der Entwicklung wurden mehrere Funktionen auf einer einzigen technischen Plattform gebündelt, so dass trotz mehr Funktionen die Anzahl an Teilen um rund die Hälfte reduziert werden kann. Dabei ermöglicht das modulare Baukastensystem dem Markt auch Varianten. In der damaligen Meldung heißt es dazu: „Für Fahrzeughersteller bedeutet das einen deutlich geringeren Anpassungsaufwand. Ganz gleich, ob es um die Einrichtung eines Standard-ABS für eine Zugmaschine geht oder um ein EBS mit zahlreichen Zusatzfunktionen für ein vielachsiges Spezialfahrzeug.“

Redundant, was kurz etwa „mehrfach abgesichert“ bedeutet, werden Systeme für das hochautomatisierte Fahren konzipiert (zum Beispiel das Bremssystem rGSBC), um in praktisch fahrerlosen Umgebungen noch mehr Sicherheit bieten zu können. Redundanzarchitekturen für Brems- und Lenkungssysteme sieht das Unternehmen als Schlüsseltechnologien für das hochautomatisierte Fahren (HAD). Redundante Aktuatorik, so vermeldete das Unternehmen im Vorfeld der IAA Transportation 2024, werde „künftig auch abseits des automatisierten Fahrens von elementarer Bedeutung“ sein.

Knorr-Bremse zählt als einer der weltweit führenden Anbieter von Nfz-Komponenten zu den Antreibern von Entwicklungen der Hochtechnologie und sieht sich als spezialisierter Industrieführer im Bereich seiner Marktsegmente. In der Folge wird zum Beispiel auch die Produktion modernster Lkw-Komponenten entsprechend angepasst. So beteiligt man sich als nach eigenen Angaben Weltmarkt- und Technologieführer im Bereich Bremssysteme nicht nur an prominenten Projekten wie Atlas-L4.

Das 120 Jahre alte Unternehmen mit seinen rund 32.000 Mitarbeitern an 100 Standorten in 30 Ländern bereitet zum Beispiel aktuell auch sein Leitwerk in Niederbayern auf die Herstellung von Hochtechnologie-Komponenten vor. Zudem werden in letzter Zeit verstärkt die Aktivitäten rund um den asiatischen Kontinent ausgebaut. In Indien erweiterte der Konzern entsprechend bereits vor zwei Jahren sein Technologiezentrum, und erst vor Kurzem wurde gleichfalls in Indien ein eigenes KI-Center eröffnet, das mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz die weltweiten Betriebsabläufe auf Vordermann bringen soll.

Mit dem aktuellen Auftrag erreicht man nicht nur die gesamte südostasiatische Region, sondern stärkt im Bereich Zukunftstechnologien auch seinen Einflussbereich in den USA. Das Unternehmen selbst bringt sein globales Standing mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Knorr-Bremse ist einer der erfolgreichsten deutschen Industriekonzerne und profitiert von den wichtigen globalen Megatrends: Urbanisierung, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Mobilität.“