Prof. Andreas Herrmann: Mut für neue Mobilität!
In Deutschland herrscht Leerlauf: Unser einstiger Stolz, die deutsche Autoindustrie, steckt in der Krise. Die Elektromobilität wurde verschlafen, und beim autonomen Fahren sind chinesische und amerikanische Unternehmen führend. Weit und breit keine Idee, kein Aufbruch, stattdessen die Strategie, am besten alles beim Alten zu belassen. Die Folge: Arbeitsplätze und Standorte sind in Gefahr. Damit noch nicht genug: Die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland ist marode. Brücken sind nicht mehr befahrbar und pünktliche Züge sind eher selten. Deutschland verliert den Anschluss. Von den Klimazielen, die nur mit einer anderen Mobilität zu erreichen sind, ganz zu schweigen.
Die Poltik bleibt gern fein im Klein-klein
Im Grunde nichts Neues, alle wissen es. Dennoch agiert die Politik im Klein-Klein, ohne Mut, ohne Zuversicht, immer in Sorge, man könnte Personen oder Organisationen in unserem Land, die sich beschaulich eingerichtet haben, verprellen. Die Folge: Das Verkehrsministerium in Deutschland ist vor allem bekannt für den Bau von Umgehungsstraßen in Bayern und weniger für zukunftsorientierte Mobilität umgesetzt in Modellregionen. Noch ist es nicht zu spät. Noch besteht die Chance, die Autoindustrie und darüber hinaus unsere eigene Mobilität zu transformieren. Dazu müssen wir aber die Angst vor der Veränderung überwinden und die Krise als Chance verstehen!
Wir brauchen eine Mobilitätswende, die neues Wachstum in den Zukunftsthemen, wie Elektromobilität, autonomes Fahren, multimodale Mobilität etc., schafft und gleichzeitig den Klimaschutz ermöglicht. Niemand will die Mobilität einschränken, aber sie muss nachhaltig, effizient und inklusiv werden. Eine gewaltige Aufgabe, aber auch eine riesige Chance für unser Land. Dazu muss die nächste Bundesregierung die neue Mobilität als Kernaufgabe erkennen und entsprechend handeln. Wir brauchen eine Mobilitätsagenda 2035! Einen ambitionierter Koalitionsvertrag, der diese Agenda als Generationenvertrag festschreibt, ist unerlässlich. Es geht um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
Gute Mobilität ist beste Sozialpolitik!
Eine Mobilitätswende schafft neue Chancen für die Wirtschaft, reduziert Emissionen und verbessert unsere Lebensqualität. Denn eines gilt: Ein funktionierendes Mobilitätssystem ist die Basis für eine starke Wirtschaft und eine funktionierende Gesellschaft. Es verbindet Menschen, gibt ihnen Zugang zu Arbeitsplätzen, zu Bildung und zur Gesundheitsversorgung und ermöglicht soziale Teilhabe. Gute Mobilität ist die beste Sozialpolitik! Sie fördert Innovation und leistet damit einen Beitrag für Wohlstand und Lebensqualität. Deutschland darf nicht länger nur den Mangel verwalten. Es braucht Investitionen in Zukunftstechnologien und eine Strategie, die weit über die nächsten vier Jahre hinausgeht.
Um die Mobilität der Zukunft zu gestalten, müssen klare und langfristige Entscheidungen getroffen werden. Ein Sondervermögen für die Verkehrsinfrastruktur ist notwendig, um Projekte über Legislaturperioden hinweg zu finanzieren. Ein gebundener Verkehrsinfrastrukturtopf mit einem Zeithorizont von 10 bis 20 Jahren ermöglicht Planungs- und Finanzierungssicherheit. Die aktuellen 38 Milliarden Euro des Bundeshaushalts für Verkehr und Digitalisierung reichen nicht aus, um die notwendigen Transformationen anzustoßen. Diese Mittel müssen effizienter und gerecht verteilt werden – weg von regionalen Interessenskonflikten, hin zu einer gesamtnationalen Strategie.
Der/die nächste Verkehrsminister/in muss Mobilität als Leitthema für Deutschlands Aufbruch verstehen und zentrale Herausforderungen angehen. Basis dazu könnte ein Sieben-Punkte-Plan sein, der in der kommenden Legislaturperiode umgesetzt werden muss:
1. Multimodalität fördern: Jeder Verkehrsträger hat seine Rolle, allerdings müssen sie intelligenter miteinander vernetzt werden. Hierzu braucht es Mobilitätsstationen und eine (!) Mobilitäts-App für Deutschland. Zudem ist eine Tarifintegration erforderlich, so wie beim Deutschland-Ticket, die jedoch nicht nur auf die Bahn begrenzt ist, sondern möglichst viele Verkehrsträger einschließt.
2. Sharing unterstützen: Die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen verbessert die Auslastung und spart Ressourcen. Insbesondere im Pendelverkehr morgens und abends könnten Sharing-Angebote den Verkehr erheblich entlasten. Hierbei spielen betriebliche Mobilitätskonzepte, wie etwa Zeelo in England, eine zentrale Rolle, da Auslastung der Fahrzeuge im Berufsverkehr sehr gering ist.
3. Autonome Mobilität voranbringen: Maschinen fahren sicherer und effizienter als Menschen. Die technologische Entwicklung dafür muss durch die Schaffung von Testfeldern konsequent gefördert werden und zwar nicht nur in San Francisco und Shanghai. Autonome Shuttles können den Stadtverkehr deutlich entlasten und ländliche Regionen besser an die Zentren anbinden.
4. Raumplanung modernisieren: Die Lebensqualität in Städten hängt davon ab, dass ausreichend Grünzonen vorhanden sind. Zudem muss sich Wohnen, Arbeiten und Freizeit in kurzer Zeit miteinander kombinieren lassen, ohne dafür lange Autofahrten in Kauf nehmen zu müssen. Konzepte, wie die 15-Minuten Stadt oder die Superblocks in Paris und Barcelona sind auch Beispiele für Deutschland.
5. Circular Economy etablieren: Für eine nachhaltige Mobilität müssen Rohstoffe wiederverwendet und Produktionsketten nachhaltig gestaltet werden. Unsere europäische Wettbewerbsfähigkeit hängt entscheidend davon ab, ob wir es schaffen, unsere Abhängigkeit von kritischen Materialien zu reduzieren und unsere alten Fahrzeuge als urbane Minen zu nutzen.
6. Energie transformieren: Mit der Umstellung der Verkehrsträger auf grüne Energie ergibt sich die Möglichkeit, das Energiesystem deutlich resilienter und günstiger zu gestalten. Hierzu sind Technologien, wie das bidirektionale Laden, zu fördern: Das Elektroauto nutzt die mit der Solaranlage erzeugte Energie, kann aber Energie auch wieder abgeben und dient somit auch als Speicher.
7. Europa stärken: Es braucht dringend einen europäischen Verkehrsraum. Also eine einheitliche Landeinfrastruktur, eine einheitliche Förderpolitik und große, bedeutende Smart Mobility Vorhaben statt vieler kleiner Projekte. Wir müssen die Kräfte bündeln, statt sie zu verzetteln, ansonsten droht Europa im Wettbewerb mit den USA und China den Anschluss zu verlieren.
Den Mut zur neuen Mobilität fordert Prof. Andreas Herrmann. Er ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und führt gemeinsam mit Torsten Tomczak und Wolfgang Jenewein das Institut für Mobilität an der Universität St. Gallen (IMO-HSG). Zudem ist er Visiting Professor an der London School of Economics (LSE Cities) und der Stockholm School of Economics. Darüber hinaus leitet er das Executive Education Programm zu Smart Mobility Management und ist akademischer Direktor der HSG Summer School für empirische Forschungsmethoden. Er veröffentlichte 15 Bücher unter anderem zum autonomen Fahren und mehr als 250 wissenschaftliche Aufsätze in führenden internationalen Plattformen. Er führt seit Jahren Kooperationsprojekte mit Unternehmen wie etwa Audi, Porsche, Roche, Sonova und vielen anderen durch.