VM-Impression Nio ET9: Chinesischer Luxus-Kreuzer mit Steer-by-wire
"Haben Sie genug Platz?". Die höfliche Frage des ZF-Ingenieurs soll wohl eher ein Witz sein. Denn der Fußraum im neuen Topmodell der Marke Nio ist dermaßen üppig, dass ein weiteres Vorfahren des Frontsitzes wahrlich nicht nötig ist. Gut, großformatige Euro-Füße passen nicht unter den zu schmalen Schacht unterm Sitz, aber es ist auch so Raum in Hülle und Fülle, der einen im China-Kreuzer umgibt, gekrönt von einem Panorama-Dach, das einen luftig reisen lässt wie in einem Glashaus. Die junge China-Marke Nio steht mächtig unter Druck: Nicht weniger als ein Befreiungsschlag und eine Kampfansage an die deutschen Premium-Marken soll daher das neue Flaggschiff ET9 sein, das am Rande des ZF Chassis Tech Day in Friedrichshafen einen "soft start" feierte. Dabei nimmt man die Platzhirsche BMW 7er, Audi A8 oder Mercedes S-Klasse/EQS ziemlich unverblümt ins Visier - und setzt technologische Ausrufezeichen, etwa mit der Premiere der Steer-by-Wire-Lenkung der Friedrichshafener, wobei Lexus den Chinesen gerade noch zuvor kam: Im just gelaunchten RZ 550e F Sport kommt die "digitale Lenkung" ohne mechanische Verbindung in Serie, aber auch erst ab 2026.
Zum Erfolg verdammt
Der Anspruch mit dem Nio ET9 ist klar: Bei der mit großem Pomp begangenen ersten Präsentation im Rahmen des Nio Tech Day Ende 2024 führte man einen Mercedes Maybach S 580 buchstäblich vor, als der auf einer Hindernis-Teststrecke keine gute Figur machte. Klar, klappern gehört zum Handwerk, aber der Konkurrenzkampf auf dem Heimatmarkt wird immer härter und das automobile Start-up muss endlich in die schwarzen Zahlen rollen, um sich eine Zukunft zu verdienen, bevor die China-Blase, wie von vielen Experten erwartet, platzt und eine allfällige Marktbereinigung möglicherweise auch dem ambitionierten Jungunternehmen von Visionär William Li hinwegfegt. Zahlenmäßig ist das nicht allzu rosig: Im November 2024 lieferte Nio 20.575 Einheiten aus und damit zwar den siebten Monat in Folge mehr als 20.000. Über das ganze Jahr waren es 190.832 Modelle, was ein Plus von 34,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum bedeutet. Aber in absoluten Zahlen ist das "zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig", um in einer derart umkämpften Branche zu überleben. Da hilft nur Angriff als beste Verteidigung - und in Zeiten, in denen der US-E-Auto-Markt vom "großen Disruptor in die Vergangenheit" Donald Trump abgewürgt wird, kommt dem Euro-Markt eine noch wichtigere Rolle zu.
Steer-by-Wire: Schläge war gestern
Ein stattliches Fahrzeug ist der 5,32 Meter lange und gut zwei Meter breite ET9 allemal. Vorn und hinten lümmelt man auf butterweichen, fast bettenartig gepolsterten Sesseln und rauscht leise dahin, flankiert von einer 2,15 Meter langen Konsole mit allerlei Utensilien und Ablagen, die sich durch das ganze Interieur zieht. Die Steer-by-Wire-Premiere in einem chinesisches Serienmodell beschert dem Fahrzeug ein Spielkonsolen-artig kleines Lenkrad. Das Lenkgefühl ist eher nach dem Motto "wie sie fühlen, fühlen sie nichts", sprich auf der komfortablen und soften Seite des Lebens, so wie Nio das laut einem ZF-Ingenieur haben wollte und wie es vornehmlich chinesische Kunden schätzen: Wie gekapselt gleitet man auf dem vollaktiven Hydraulikfahrwerk wolkig dahin, so ordinäre Dinge wie Schläge im Lenkrad durch Kanaldeckel sind mit der Technologie passè, Abroll- und Windgeräusche sind maximal minimiert. Vorteil der mechanikfreien Lenkung ist neben Sicherheits-, Bauraum- und Komfortaspekten sicherlich auch, dass man auch so ein "Schiff" von einem Auto mit wenige Kurbeln am Volant ziemlich agil durch enge Kurven bringt und auch das Manövrieren fällt leicht, weil die Lenkübersetzung sich mit der "digitalen Steuerung" je nach Tempo anpasst und zudem eine Hinterradlenkung unterstützt. 10,9 Meter Wendekreis sind für das Format beachtlich. Bei schnellerer Fahrt wird das ganze dann stabiler und fester, ohne aber an die - zumindest im Sportmodus - knackige Schärfe eines parallel gefahrenen BMW 7er heranzureichen.
Mit seiner 900-Volt-Plattform und 650 Kilometer Reichweite bei dem Vernehmen nach Spatzendurst von 16,2 kWh/100 km und einer Ladepower von 600 kW könnte der neue Top-Nio tatsächlich ein Fall für die automobile Business Class sein. Vom formal beeindruckenden technischen Package her, hätte er das Zeug dazu. Ob das ziemlich glatte, sogenannte "Landjet Design" auch hierzulande ankommt, wird man sehen. Und ob das Arsenal an Fahrerassistenz dann auch so fein zusammenspielt, wie man es von einem BMW oder Mercedes gewohnt ist, bleibt auch einem ersten Test vorbehalten, sprich abzuwarten.