Interview mit Jeremy Offer, Global Head of Design Volvo Cars: "Volvos müssen immer aus einem Block gefräst sein!"
Was würden Sie als das herausragende Designelement am ES90 bezeichnen?
Offer (antwortet sehr britisch): Nun, er ist „a class of ist own“ (das war einst DER Werbespruch von Rover, den jetzt übrigens auch Mercedes-Benz auf den neuen getarnten CLA schreibt). Wir kombinieren die Eleganz einer Limousine mit der Anpassungsfähigkeit eines Fastbacks und der Praktikabilität eines SUVs – und verpacken das Ganze in einem neuen Konzept. Obwohl es vorwiegend als Limousine vermarktet wird, hat es eine erhöhte Sitzposition und eine größere Bodenfreiheit. Außerdem besitzt es ein Fastback-Design, das sowohl praktische Vorteile in Bezug auf den Zugang und Stauraum des Kofferraums bietet als auch aerodynamische Vorteile. Es ist also die beste Mischung aus allen drei Kategorien.
Also war Effizienz der Haupttreiber der Formgebung?
Offer (lacht): Er ist auf jeden Fall der aerodynamisch effizienteste Volvo mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,25 – der beste Wert, den wir je in der Geschichte von Volvo erreicht haben. Ein Großteil davon beruht auf einfachen Designentscheidungen, wie bündigen Türgriffen, aerodynamisch optimierten Außenspiegeln und vor allem der Dachlinie. Die größten aerodynamischen Vorteile erzielen wir durch das Fastback-Profil. Außerdem gibt es saubere Abrisskanten an den hinteren Kotflügeln und der Kofferraumklappe, und selbst der Winkel des Spoilers spielt eine große Rolle. Wir folgen allen aerodynamischen Prinzipien, müssen aber eine Balance zwischen Technik, Funktionalität, Praktikabilität und Ästhetik finden. Würde man ein Auto maximal aerodynamisch gestalten, würden alle Fahrzeuge am Ende gleich aussehen. Das wollen wir natürlich vermeiden. Man könnte ein Auto theoretisch so effizient wie die viel zitierte Tropfenform gestalten, aber das würde nicht funktionieren. Ein Auto muss auch funktional sein – wenn man innen kein Volumen hat oder die Sicherheit leidet, dann ist es nutzlos. Deshalb gehen wir das Design aus einer menschenzentrierten Perspektive an und optimieren es dann aerodynamisch so weit wie möglich.
Da schneiden Kombis per se schlechter ab, aber sie sind ein Markenkern von Volvo. Wird es irgendwann einen elektrischen V90-Kombi geben oder wird das eher in der 60er-Serie passieren?
Offer: Ich kann nicht über zukünftige Modelle sprechen. Aber wir legen bei all unseren Fahrzeugen den gleichen Fokus auf Funktionalität. Buckminster Fuller sagte einmal: „Beginne mit der Funktion, und die Schönheit wird folgen.“ Das ist eine wichtige Unterscheidung – wir starten nicht mit dem Styling, sondern mit der Funktionalität.
Der Faktor Funktionalität ist auch ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber asiatischen Autos, die oft verspielte Innenräume mit vielen Bildschirmen und Unterhaltungssystemen haben. Werden wir das in einem Volvo bald sehen?
Offer: Das ist nicht unser Fokus. Unser Hauptziel ist es, die Augen auf der Straße zu halten und Fahrende und Passagiere sicher reisen zu lassen. Alles, was dabei hilft, unterstützen wir. Aber wenn es ablenkend ist, dann interessiert es uns nicht. Das gilt sowohl für physische als auch für digitale Elemente.
Wie ablenkend sind die von der EU vorgeschriebenen Sicherheitssysteme? Viele sind ja genervt davon?
Offer: Viele von ihnen sind tatsächlich ein großer Vorteil. Zum Beispiel fahre ich einen EX90, und einige akustische Warnungen haben mich dazu gebracht, öfter den Blinker zu setzen. Ich fahre dadurch bewusster und sicherer. Anfangs denkt man vielleicht, dass es nervig sein könnte, aber manchmal ist es ganz gut, daran erinnert zu werden, dass man zu schnell fährt.
Welche drei Hauptmerkmale machen Volvo-Design zu Volvo-Design? Ist es die Schulterlinie? Die kantige Form? Der „Thors Hammer“-Scheinwerfer?
Offer: Gute Frage. Volvo hat eine große Design-Historie, auf die wir im Team viel Wert legen. Wir orientieren uns an unseren früheren Fahrzeugen, aber bringen das Design in eine neue Ära. Wir haben tatsächlich so ein Sheet mit einer Herleitung von 780 erstellt (deutet auf den großen Screen hinter sich): Von ihm zeichneten wir vielleicht ein bisschen den breiten soliden Stand und die trotzdem robuste Optik in den ES90. Denn ein Schlüsselmerkmal ist „aus einem Block gefräst“ – das Gefühl von Stabilität, Langlebigkeit und Robustheit. Volvos sehen immer funktional und menschenzentriert aus. Zweitens haben wir klassische Designelemente wie den „Thors Hammer“, den wir weiterentwickeln. Und drittens ist Materialehrlichkeit wichtig – wir nutzen natürliche Materialien wie Holz, Metall und nachhaltige Stoffe, um die skandinavische Designphilosophie zu bewahren.
Stört diese strenge skandinavische Design-Sachlichkeit nicht manchmal?
Offer: Überhaupt nicht. Genau das hat mich an Volvo gereizt! Volvo steht für rationales, funktionales Design. Es geht nicht um Styling, sondern um einen nutzerzentrierten Ansatz. Das begeistert mich. Zum skandinavischen Design gehören nämlich auch Material- und Lichtstimmungen.
Andere Hersteller feiern große Erfolge mit Retro-Modellen. Könnte Volvo das auch tun?
Offer: Wir konzentrieren uns auf die Zukunft, aber man wird immer Anklänge unserer Historie sehen.
Volvos Designs haben oft eine lange Lebensdauer. Ist das Absicht und wie gestaltet man das?
Offer: Wir setzen auf zeitloses, funktionales Design. Gute Proportionen, visuelle Harmonie und Materialehrlichkeit sind wichtiger als Trends.
Gibt es mit Elektroplattformen mehr Freiheit im Innenraumdesign?
Offer: Ja, definitiv. Ein flacher Boden und ein langer Radstand ermöglichen ein luftigeres Raumgefühl.
Wird es immer ein zentrales Display geben? Andere Hersteller wenden sich davon teils schon wieder ab?
Offer: Solange die Technologie es erfordert, ja. Ergonomie und Nutzerfreundlichkeit stehen im Vordergrund. Und da ist ein großer, gut bedienbarer Zentralscreen eine sehr gute Lösung. Aber Sie haben Recht, die Technik entwickelt sich weiter und wir werden sehen, was man da künftig optimieren kann.
Optimieren könnte man auch die Größe: Mit fünf Metern Länge und 3,10 Metern Radstand ragt der ES90 schon in die Oberklasse hinein.
Offer: Autos werden vor allem wegen der Sicherheitsvorschriften generell größer, aber wir berücksichtigen globale Märkte und deren Platzverhältnisse. Der Hauptmarkt des ES90 wird China sein – dort gilt er als Businesslimo mit langem Radstand. Was auch für Europa und sogar Nordamerika gilt, wo vergleichbare Fahrzeuge ähnliche Maße, aber innen vielleicht nicht ganz so viel Platz haben (lächelt).
Das Interview führte Gregor Soller