LKW

70. Werksjubiläum: MAN fährt E-Lkw-Produktion in München hoch

Am Traditionsstandort München produziert MAN nun serienmäßig E-Lkw. Zum 70. Jubiläum gab es politischen Rückenwind und klare Signale für die Zukunft.

Paulaner brachte das Bier: im eTGX und per Pferdefuhrwerk. | Foto: G. Soller

Bayerisch weißblauer Himmel, Blasmusik, ein klassisches Pferdegespann der Paulaner-Brauerei und dahinter der flüsterleise elektrische TGX: MAN feierte 70 Jahre Standort München. Und schreibt zwischen Teststrecke, neugotischem Schloss und modernstem Karosseriebau am traditionsreichen Münchner Standort weiter Geschichte. Und das nicht im Flüsterton: Mit der Serienproduktion des neuen eTrucks „made in München“ setzt der Nutzfahrzeughersteller einen Akzent in der Transformation der Mobilität. „Wir alle können stolz sein auf die Geschichte des Standorts“, so MAN-CEO Alexander Vlaskamp und ergänzte stolz:

„Die Entwicklung und Serienproduktion unseres eTrucks ist der jüngste Beleg für die Innovationskraft und Wandlungsfähigkeit des Werkes sowie ein historischer Meilenstein für MAN und den Standort.“

Zwischen den Zeilen gab er aber auch zu, dass die Zeiten schon mal einfacher waren: In München waren einst über 9.000 Personen beschäftigt, jetzt sind es noch rund 8.000. Das Lkw-Business ist hart und im Vergleich zum Pkw will jeder Margenpunkt hinter dem Komma erkämpft werden. Aber das kennt man in der Branche nicht anders und „hält zam“, oder wie Vlaskamp es ausdrückt:

 „Gemeinsam haben wir stets für alle Herausforderungen die richtigen Lösungen gefunden und Geschichte und Moderne gut verbunden. Die kraftvolle Tradition ist auch ein gutes Fundament, auf das sich die weitere Zukunft bauen lässt.“

Was klingt wie eine Liebeserklärung ans Werk, ist in Wahrheit auch eine nüchterne Bilanz von 70 Jahren Industriegeschichte am Standort – mit einem zunehmend elektrifizierten Horizont. Das „Anzapfen“ hat der gebürtige Niederländer übrigens gut hinbekommen: zwei Schläge und das Bier floss!

Ein Fest, wie es im Laste(r)nheft steht

Wer glaubt, Ingenieure und Werker könnten nur Konstruktionsdaten und Stückzahlen feiern, wurde eines Besseren belehrt: Zur Eröffnung der eTruck-Produktion wurde das Werksgelände kurzerhand zum kleinen Oktoberfest umgebaut – samt Riesenrad. 40 Meter hoch, 2.500 Tonnen schwer, 200 Plätze – mit Blick auf Werk, Stadt und Alpen. Die Schausteller-Familie Landwermann stellte das Spektakel auf die Beine – und zwar mit logistischem Feingefühl und ausschließlich MAN-Zugmaschinen. Warum? „Aus Qualitäts- und Traditionsgründen“, so die Landwermanns. Ein Satz, der auch im Leitbild von MAN stehen könnte.

Zwischen Pferdestärken und Strom: Die Bier-Logistik

Natürlich durfte bei diesem Fest das Bier nicht fehlen – und auch nicht der zünftige Zapfanstich. Der kam standesgemäß per Paulaner – allerdings nicht nur auf Rädern, sondern auch auf Hufen: Die Münchner Brauerei lieferte das Bier sowohl per eTruck als auch per Pferdegespann. Die elektrischen MAN-Trucks stammen aus den ersten Serienfahrzeugen, die Paulaner direkt nach Produktionsstart erwarb. Tradition trifft Innovation – nicht nur im Glas, sondern auch auf der Rampe.

Hightech trifft Hüpfburg – ein Rahmenprogramm für Groß und Klein

Die Veranstaltung selbst glich einem Rundumschlag durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Mobilität: Historische Karussells und Buden trafen auf künstliche Intelligenz, mit der Kids ihr eigenes Nutzfahrzeug der Zukunft entwerfen konnten. Eine Blaskapelle aus Karlsfeld spielte dazu auf, während rund 40 historische Fahrzeuge – von den Anfängen bis hin zum neuen eTruck – die Entwicklungslinien im wahrsten Sinne greifbar machten. Darunter auch seltene Schmankerl wie der Unterflur 422 UXT oder der TGX 680 mit V8-Maschine.

Auch die aktuellen Mannschaftsbusse des FC Bayern und TSV 1860 München rollten ins Rampenlicht – Fußball verbindet eben auch hier. Dazu kam ein alter Neoplan, mit dem man das Testgelände abfahren konnte.

Eine Fertigung mit Geschichte – und Zukunftspotenzial

Rund 8.000 Beschäftigte entwickeln und produzieren am Standort schwere Lkw und Komponenten. Seit 1955 wurden in München rund 1,25 Millionen Lkw, zwei Millionen Fahrerhäuser und drei Millionen Achsen gefertigt. Das Gelände misst rund eine Million Quadratmeter – was etwa 140 Fußballfeldern entspricht. Die Antriebe liefert nach wie vor der Standort Nürnberg zu, der 1955 aus allen Nähten platzte, weshalb man sich auf die Vorkriegsconnection mit BMW besann: Dort brauchte man das Flugmotorenwerk in Karlsfeld nach dem Krieg nicht mehr in dem Umfang – und freute sich, es an MAN und MTU abgeben zu können.

Und während man den Standort Steyr abgab und Wien mit Rheinmetall neu organisierte, baute man in Krakau ein neues Montagewerk auf und entwickelte München weiter: Mit dem Bau neuer Lackier- und Karosserieanlagen, dem Truck-Forum, dem Bus-Forum und einem ganz neuen Engineering-Zentrum. Das steht mitten im Testoval und besitzt laut Pressesprecher Gregor Jentzsch den größten Lift Europas: In ihm können ganze Nutzfahrzeuge zur Begutachtung in die einzelnen Technikabteilungen gebracht werden.

Und auch beim Thema Nachhaltigkeit geht es mit hoher Drehzahl voran: Ein eigenes Blockheizkraftwerk sorgt für effiziente Energieversorgung, ein Geothermie-Projekt in Karlsfeld soll ab 2028 nicht nur die Produktion, sondern auch das örtliche Fernwärmenetz beheizen. Ziel: minus 70 Prozent CO₂-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2019 – fast 60 Prozent waren Ende 2024 bereits erreicht.

Was bedeutet das?

Tradition, Technologie und ein bisschen Volksfest-Romantik – MAN beweist, dass sich Industriekultur und Innovationsgeist nicht ausschließen. Wer also künftig an Elektromobilität im Lkw-Bereich denkt, sollte vielleicht auch an Blasmusik und ein elektrifiziertes Prosit der Gemütlichkeit denken.