Ari 901 XL: Van mit Platz und Pfiff
An den Produkten kann es nicht liegen: Ari-Geschäftsführer Thomas Kuwatsch redet nicht lange um den heißen Brei herum, er versteht die eklatante Kaufzurückhaltung und Elektroskepsis der Teutonen einfach nicht. Die Leipziger bedienen sich aus dem enorm breiten Angebot chinesischer Hersteller und adaptieren die Fahrzeuge für Europa, zu einem fast unschlagbaren Preis, bei guter Qualität. Jüngster Fischzug aus dem Reich der Mitte: Der Ari 901 XL, ein E-Van mit dedizierter urbaner Profilierung. Der Transporter basiert im Gegensatz zum vom Verbrenner abgeleiteten Ari 1710, ein Dongfeng V5, auf einer reinen Elektroplattform. Das merkt man ihm an, bei der kurzen Inaugenscheinnahme im Rahmen des Smart City Logistik Kongress in Jena.
Ultrakurze Flachschnauze, langer Radstand, hohe Raumeffizienz, geräumige Kabine. Schließlich kostet der 60 kW-Permantentsynchronmotor an der Hinterachse kaum Platz. Und der moderate, aber für die Zwecke völlig ausreichend dimensionierte 42-kWh-Lithium-Eisenphosphat-Akku vom Akku-Giganten CATL verschwindet locker im Unterboden. Er soll für eine Reichweite von 301 Kilometern sorgen, was bei einem Verbrauch von auch bei der ersten Testrunde nachvollziehbaren 14,9 kWh/100 km realistisch erscheint. Geladen wird in AC-Typ 2 und DC-CCS, in sechs Stunden sind die Speicher bei AC voll, in einer Stunde bei DC.
Das Setup passt also schon mal. Aber die Sahneseite des 901er-XL ist der Laderaum: 6,3 Kubikmeter stellt er auf der Länge eines Caddy Maxi bei 4,86 Meter zur Verfügung, misst dabei schlanke 1,75 Meter und bleibt mit 1,99 Meter auch Tiefgaragen-tauglich. Der kleine Akku hat diverse Vorteile: Neben dem günstigen Preis, der 901er startet ziemlich komplett ausgestattet ab Netto 32.990 Euro oder 614 Euro Leasing, beschert er dem E-Van eine satte Nutzlast von 1.375 Kilogramm, dank eines für einen BEV fast schon asketischen Leergewichts von 1,5 Tonnen. Dazu gesellt sich ordentliche Anhängelast von 1.200 Kilo.
Seitenöffnung ohne B-Säule
Clou ist sicherlich der B-Säulen-freie seitliche Zugang, der das Verladen von Sperrgut deutlich erleichtert. Außerdem hat der Hersteller aus China, den Thomas Kuwatsch nicht vollends preisgeben will, eine großzügige Aussparung auf der Beifahrerseite vorgesehen, sodass sich die Ladelänge von 2,83 Meter auf 4,10 Meter strecken lässt, wenn man den Beifahrersitz umklappt und die leider nicht sehr robuste Rückseite belastet. Nebenbei steigt man auch dank des topfebenen Bodens leicht durch.
Die Breite ist ebenfalls mit 1,63 Meter ordentlich, ebenso die Innenhöhe von 1,39 Meter, was eine niedrige Ladekante andeutet, im Gegensatz zum Verbrenner-basierten 1710 mit seinem extrem hoch liegenden Laderaum. Am Heck würde man sich allerdings eine Flügeltür statt der Klappe wünschen, aber zum Ausgleich bleibt ja die weite Seite.
Unterwegs erweist sich schnell ein weiterer Vorteil der reinen E-Basis, die vorn auf McPherson, hinten klassisch-schlicht, aber robust auf eine Starrachse setzt: Der Wendekreis ist mit knapp acht Meter extrem kompakt, man zwirbelt sich mühelos durch die Jenaer Innenstadt. Von der Ampel weg geht es flott zur Sache, der Motor surrt munter vor sich hin, ohne zu aufdringlich zu werden, ganz im Gegensatz zum laut rumorenden, teils sogar dröhnenden bürstenlosen Aggregat im 1710er. Eine einstufige Rekuperation erübrigt meist das Beibremsen, nötigenfalls sorgen vorne Scheiben hinten Trommeln für ausreichende Verzögerung. Anachronistisch wirken in Anbetracht der Elektrobasis die Fußfeststellbremse wie im alten Mercedes Vito und der "Zündschlüssel", aber das sind Mäkeleien.
Eher robustes Fahrwerk und Handling
Fahrwerkseitig ist der 901er freilich einiges von der Finesse europäischer oder koreanischer E-Vans entfernt. Die Lenkung ist leichtgängig, aber gefühlsfrei, die Federung eher auf der "ehrlichen" Seite, die Karosserie nicht die verwindungssteifste, Fahrspaß kommt da nicht unbedingt auf. Aber man kommt schon klar und begreift den 901er schnell als günstiges, unkompliziertes "Werkzeug" zur Beförderung von Fracht. Die 100 km/h Maximaltempo genügen insofern völlig, zumal dann die Wind- und Abrollgeräusche arg laut werden. Die beiden Digitalanzeigen liefern dabei die nötigen Informationen etwa auch zum günstigen Verbrauch, im Mitteldisplay gibt es eine Rückfahrkamera. Bluetooth, Freisprecheinrichtung, Zentralverriegelung, Heizung sind mit an Bord, extra kostet nur die Klimaanlage. Optional gibt es einen Dachträger oder Solaranlage zur Unterstützung elektrischer Verbraucher. Ablagen gibt es reichlich und gut formatiert, Materialien und Verarbeitung könnte man als pragmatisch bezeichnen, die Sitze sind halbwegs bequem für Kurzstrecken.
Wie überhaupt der 901XL ein Pragmatiker ist, der zum günstigen Preis die nüchternen Kapazitäten eines VW eTransporters oder Ford E-Transit Custom bietet. Freilich, auch die Konkurrenz in Fernost schläft nicht: Der neue Kia PV5 wurde jüngst vorgestellt - und kommt ebenfalls ab 33.000 Euro Netto, mit 4,4 Kubik in der Basis aber technisch natürlich deutlich höherem Niveau. Trotzdem: Wer einen günstigen E-Van für urbane Transporte sucht, wird auch in Leipzig/Borna fündig. Wie gesagt, man versteht die Elektro-Skepsis nicht.