VM-Test NIU NQiX 150: Zwischen allen Stühlen - und im Stau
Was soll man sagen, der chinesische Mikromobilitätspionier Niu hat weiter an den Details seines Elektro-Rollers gefeilt und er fährt sich wirklich fein: Präzises Handling, guter Komfort auch auf fiesem Kopfsteinpflaster, sichere Straßenlage, kraftvolle Scheibenbremsen und vor allem ein leiser und flotter 72-Volt-Radnabenantrieb mit 2,6 kW (2,9 kW Peak) und satten 150 Nm Drehmoment, da kommt vom Start weg Fahrfreude auf. Erwachsen kommt der 117 Kilo schwere Scooter auch optisch daher und schaut im Vergleich zu den vorm Haus geparkten Verbrenner-Vespas auch nach Zukunft aus, nicht nach Vergangenheit: 75 Zentimeter schlank und 1,93 Meter lang, eine "fitte" und wertige Erscheinung. Wenn man den nickeligen Drehregler der Lenkradsperre in die richtige Position gebracht hat wird lässig gestartet mit dem Wischen der NFC-Keycard über das Niu-Logo am Lenker, wahlweise auch mit dem eigenen Handy oder Smartwatch.
Der mit GPS ausgestattete Scooter ist auch vernetzt, man kann ihn ans Smartphone koppeln und etwa in Fahrt Anrufe entgegennehmen, die Route tracken lassen, seine Musik steuern, die Fahrdaten auslesen oder Updates over the Air vornehmen. Es gibt einen Tempomaten, eine bei Nässe hilfreiche Traktionskontrolle und ein scharfes 5"-LCD-Farbdisplay mit den wichtigsten Infos, klar sichtbare Blinker, eine laute Hupe, die auch als Diebstahlwarner fungiert. Und es gibt vier Fahrmodi, von denen uns „Master“ am besten gefällt, während man Eco vergessen kann, weil Tempolimit 30 km/h. Die LED-Leuchten lassen einen auch im Dunkeln sichtbar sein und gut sehen, die Bedienung ist weitgehend selbsterklärend, wenn man die Stromzufuhr zum Lithium-Ionen-Akku im Unterboden entdeckt und geschlossen hat. Das macht man auch nicht allzu oft, weil der Kunststoffdeckel so hakelig eingefügt ist, dass man mit äußerster Präzision vorgehen muss, um das Abteil wieder zu schließen. Gimmicks sind die wechselbaren Seitenverkleidungen und das magnetische Frontpanel, das die Wartung der "Halo-Lampe" im typischen Niu-Look erleichtern soll. Ein Kickstand lässt den Roller für den schnellen Stop stehen, ein Doppelständer sorgt dann für sicheren Dauerstand, etwa über Nacht. In Anbetracht dieser kompletten Ausstattung ist der Preis von 2.699 Euro umso mehr eine starke Ansage.
Akku mitnehmen ist mühselig
Anders als bei einem früheren Modell mit den zwei leichteren Akkus unter der Sitzbank ist die Herausnahme des 15 Kilo schweren NMC/LMO-Energiespeichers aus Rundzellen hier nicht mehr wirklich vorgesehen und sehr umständlich. Zum mit gut drei Stunden leider ziemlich lahmen Nachladen braucht es also einen externen Haushaltsstromanschluss oder einen Adapter zu Typ 2 für die öffentliche Ladesäule. Vorteil des Unterflur-Akkus: Unter dem Sitz entsteht ein per Doppeldruck am Taster rechts zu öffnendes großes Helmfach, das auch das wuchtige Ladegerät fasst. Und er senkt den Schwerpunkt der Stahlchassiskonstruktion ab und lässt den Niu-Scooter auch mit dem bequem platzieren und per solider Fußrasten gesicherten Sozius satt, sicher und mit schön flowigem Fahrgefühl auf der Piste liegen, als wäre er ein „125er“, als den es den NQiX natürlich auch gibt, dann mit 5 oder 9 kW Motor (3.599/4.499 Euro) und bis 80 oder 100 km/h schnell. Ist er aber nicht, leider. Denn bei 49 km/h ist Schicht im Schacht.
In der Stadt ok, in der Vorstadt grenzwertig
Das ist manchmal zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, sprich: In der Innenstadt ok, in der Vorstadt grenzwertig, im Umland gefährlich, weil man auf die Straße gezwungen wird und nicht die Radwege benutzen darf. Genau hier wäre aber das beste Terrain und Einsatzgebiet für einen E-Scooter vom Schlage des Niu, der mit bei sparsamer Fahrweise erzielbaren 100, bei flotterer Gangart eher 70 Kilometern Reichweite klotzt, offiziell beträgt der Verbrauch 2016 Wh pro Ladung, mini im Vergleich zum E-Auto. Zum Pendeln in die Vorstadt mit Distanzen von 15 bis 20 Kilometern wäre man umweltfreundlich, platzsparend, stromsparend und emissionsfrei unterwegs. Allerdings empfiehlt es sich hier, doch eher den 125er-Schein drauf zu satteln, um nicht von vielen Pkw ungut bedrängt zu werden. Das passiert einem in der City allerdings auch mal, ernst genommen fühlt man sich als „echter“ Verkehrsteilnehmer nicht. Und es fällt einem auf, wie wenig Autofahrer sich in den zahlreichen 30er-Zonen in München wirklich an das Limit halten.
Schneller Antritt als Lebensversicherung
Da heißt es, schnell von der Ampel wegziehen und am besten von vorne in der Schlange starten, bis die nächste Rotphase uns alle wieder vereint. Ohne semilegales Durchschlängeln hingegen, steht man im zu jeder Tageszeit dichten Verkehrstreiben der Münchner City ziemlich doof da – und blickt neidvoll auf die rechts am Radweg vorbeiziehenden Bio-Biker, während man die unguten Abgase der immer noch viel zu vielen Verbrenner – „Diesel-Dieter“, so der Spitzname von SPD-OB Dieter Reiter – einatmet. So ergibt das keinen Sinn. Was es bräuchte, sinniert man in der sinnlosen Standzeit, wäre eine LEV- und Busspur. Dann würden vielleicht auch mehr Teutonen auf das eigentlich so clevere und sparsame Verkehrsmittel E-Roller umsteigen, das komplette italienische Städte mobilisiert: Weil es einen Vorteil bringt. Bis sich die an der Spitze leider trotz roter Lackierung knochenkonservative Stadtregierung in München zu so etwas durchringt, wird allerdings noch viel Wasser die Isar hinunterfließen – respektive Diesel die Landshuter Allee.
Nachteile des Autos ohne Vorteile des Fahrrads
Und so lange es so ist ergibt der E-Scooter wenig Sinn, weil er die Nachteile des Autos ohne die Vorteile des Fahrrads vereint. So stranden wir auf unserer aus Gewohnheit eingeschlagenen Bike-Route diverse Male vor nur für Radler freigegebenen Einbahnstraßen, den E-Garten darf man auch nur mit dem Rad queren, die Isarparallele am Radweg sowieso. Also wieder eingereiht in die endlose Schlange auf der Leopoldstraße, umgeben von genervten Autofahrern, bei denen man sich fragt, warum sie sich das denn dann antun. In München mit dem Auto zu fahren ist alles, nur keine Mobilität. Eher eine blecherne Stehdemo aus Trotz.
Doppelte Fahrzeit zum Radl
Und so begibt es sich, dass wir tatsächlich doppelt so lange brauchen, um in der nur zu Testzwecken und nicht aus Masochismus frequentierten abendlichen „Rush Hour“ die Stadt von Freimann nach Sendling zu durchqueren, vorschriftsgemäß. Apropos Vorschrift: So richtig legal parken kann man den Roller auch nicht, wenn man keine eigene Garage hat. Wir finden ein halbwegs (für die Mitmenschen) störungsfreies Plätzchen auf dem Gehweg im Schatten einer Parkuhr. Einmal und nie wieder, denken wir, steigen erst mal auf's Rad, damit sich die Nerven beruhigen. Um dann aber doch rückfällig zu werden, weil, der Roller muss ja auch wieder retour in den Verlag. Bei einer morgendlichen Gegenprobe mit mehr Mut zum Durchschlängeln und vorn einfädeln geht es etwas schneller, aber noch deutlich langsamer als mit dem Rad. Und es fällt auf: Bei Nässe und Kälte wird einem selber schnell kalt auf so einem Roller, wo einem auf dem Rad rasch warm wird vom Strampeln.
Unser Fazit fällt also ernüchternd aus: Die Produkte für nachhaltigere und intelligentere, sprich leichte Elektromobilität wären da, die immer weiter fortgeschrittene und mit 2.699 Euro auch sehr erschwingliche, Technik ist nicht das Problem, dem Niu-Scooter ist kein Vorwurf zu machen, er wäre ein kostengünstiges, ressourcenschonendes und platzsparendes Pendler-Mobil. Aber das Gesamtsystem, in dem man sich damit bewegt, passt nicht. In dem können sich diese Gefährte(n) nicht entfalten. Und so fahren wir lieber weiterhin mit dem Rad zur Arbeit. Gut für Gesundheit – physisch wie psychisch.