Neues Konzept Plug+Ride: E-Auto und ÖPNV im Kombiverkehr
Der Münchner Diplomingenieur und Architekt Rolf Ganzer hat im Rahmen des Ideenaufrufs der IBA Metropolregion München ein neues Konzept zur Kombination von E-Mobilität und ÖPNV vorgestellt. Mit Plug+Ride sollen sich die Vorzüge des elektrischen Fahrens etwa am Land mit den Vorteilen öffentlicher Nahverkehrsmittel koppeln lassen.
"Stehen statt fahren – das ist nach wie vor das nervenaufreibende Motto für die meisten Berufstätigen, die täglich mit ihrem Auto in die großen Ballungsräume Deutschlands pendeln. Quälend ist dieser Zustand auch für die Stadtbevölkerung, deren Lebensraum bereits durch den Binnenverkehr stark belastet ist", skizziert der Münchner Macher.
Zwar verspreche die E-Mobilität eine bessere Luftqualität. Doch bisherige Anreize zum Umstieg aufs emissionsfreie Fahren wie kostenloses Parken oder die Nutzung von Busspuren locken weiterhin den Verkehr in die Innenstädte und füttern damit den Stau, schildert Ganzer die Problemlage. Das Konzept Plug+Ride (PL+R) wählt einen anderen Ansatz: Im ersten Schritt sollen vorhandene Park+Ride-Plätze an S-Bahn-Endstationen mit Ladesäulen für die E-Autos aus dem Umland ausgestattet werden. Einerseits soll dies als Anreiz dienen, die Fahrt in die Stadt mit dem ÖPNV fortzusetzen. Andererseits soll das Angebot einer unkomplizierten und günstigen Lademöglichkeit ein Kaufanreiz für bisherige E-Auto-Skeptiker sein, so der Ingenieur.
Großes Potenzial mit V2G
Eine detaillierte Betrachtung der Idee zeigt aus Sicht von Ganzer das enorme Potenzial. Wegen der regelmäßig langen Standzeiten der Fahrzeuge in den PL+R-Anlagen muss nicht jeder Standplatz mit kostspieliger Schnellladetechnik ausgestattet sein. Möglich ist auch, die Ladevorgänge zeitlich an die verfügbare Energie anzupassen, um eine Überlastung des Netzes zu vermeiden – ein finanzieller Vorteil bei künftig gemäß Angebot und Nachfrage schwankenden Strompreisen. Ein noch größerer Vorteil wird sich durch die zukünftige „Vehicle to grid“-Technik (V2G) ergeben, bei der die Fahrzeugbatterien als Speicher dienen und hier auch Schwankungen im (Bahn-)Stromnetz ausgleichen können. Dieser Nutzen kann dazu führen, dass das Projekt ohne öffentliche Zuschüsse wirtschaftlich betrieben werden kann.
Zukunftsfest dank Rückspeisung, PV-Nutzung und autonomem Parken
Eine sinnvolle Komponente des Projekts ist die Überdachung der Stellplätze mit Photovoltaik- Anlagen. In den Zeiten des maximalen Energieertrags sind die höchsten Belegungsraten einer Plug+Ride-Anlage zu erwarten. Die solare Energie fließt ohne Zwischenspeicherung direkt in die Batterien der geparkten Fahrzeuge.
„Man muss für PV-Anlagen keine landwirtschaftlichen Flächen zweckentfremden, wenn man vorhandene Parkplätze doppelt nutzbar macht. Außerdem ist die Beschattung befestigter Flächen gut für das sommerliche Kleinklima“, wirbt Ganzer.
Seine Vision ist die Weiterentwicklung der Idee auf mehreren Ebenen. Schließlich sind viele S-Bahn-Endstationen sind auch Haltestellen von Regionalbahnlinien. Aufgrund der kürzeren Fahrzeiten ins Zentrum sind diese besonders attraktiv für PL+R. Später will Ganzer daher weiter entfernte Regionalbahnhöfe einbeziehen und damit die Verkehrsbelastung durch den motorisierten Individualverkehr (MIV) auch im Umland reduzieren.
Zudem werde es im Zuge dieser Entwicklung Situationen geben, in denen in Bahnhofsnähe keine ausreichenden Parkplatzflächen zur Verfügung stehen oder sogar bestehende P+R-Plätze wegen ihrer attraktiven Lage zu Bauland umgewidmet werden. Hier könnten neue Haltestellen speziell für die PL+R-Anlagen oder flächensparende Abstellanlagen entlang der Bahngleise Lösungen sein. Auch die Entwicklung des autonomen Fahrens wird es ermöglichen, Stellplätze in größerer Entfernung durch automatisiertes Valet Parking (AVP) fahrerlos anzusteuern, glaubt Ganzer. Zentrale Dropoff- Zonen bringen den Bahnsteig quasi vor die Fahrzeugtür – das ist auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ideal.
Wissenschaftlich gestützt und ökonomisch tragfähig
Dass Plug+Ride mehr ist als ein utopisches Planspiel, dafür führt Ganzer mehrere wissenschaftliche Studien ins Feld. So kommt eine Untersuchung der TU München zu dem Schluss, dass Park+Ride-Anlagen mit Ladeinfrastruktur einen erheblichen Beitrag zur Netzstabilisierung und zur Verkehrsverlagerung leisten können. Eine weitere Studie der Universität Avignon belegt die hohe Wirksamkeit finanzieller Anreize zur Nutzung solcher Hubs. Auch die Branchenstudie „Plugging into potential“ von Eurelectric und EY sieht in dezentralen E-Hubs großes Potenzial für Netzentlastung und Kundenbindung. Für Rolf Ganzer stellt sich nicht die Frage, ob die vorgeschlagene Kopplung von MIV und ÖPNV kommen wird, sondern wie sich Verluste und Umwege durch zu langes Zögern vermeiden lassen.
„Zum Glück lässt sich der Kern unserer Idee bereits in einem minimalistischen Vorprojekt – sozusagen ‚Plug+Ride light‘- präsentieren, das mit geringem Aufwand realisierbar ist", skizziert Ganzer weiter.
Damit könnte, parallel zur Vorbereitung des eigentlichen Pilotprojekts, öffentliches Interesse geweckt werden. Potenzielle Partner könne man so frühzeitig anwerben und in das Organisations- und Planungsteam einbinden, schildert der Architekt. Die anschauliche Präsentation eines solchen alltags- und zukunftstauglichen Mobilitätsangebots bringt aus Sicht von Ganzer mehr als pauschale Kauf- bzw. Steuerprämien für E-Autos.
Erstes Projekt könnte 2026 starten
Ein erstes Plug+Ride-Pilotprojekt könnte bereits 2026 starten. „In dieser Phase stehen wichtige Planungsschritte an“, sagt der erfahrene Architekt. Organisatorische, wirtschaftliche, gesetzliche und technische Anforderungen müssten koordiniert, IT-Tools z.B. für das Energiemanagement und die Kundeneinbindung entwickelt werden. Erkenntnisse aus dem Pilotbetrieb seien laufend in die weitere Planung zu integrieren. Mit der Bewerbung bei der IBA Metropolregion München hofft das PL+R-Team zudem auf eine Aufnahme als IBA Projektkandidat – und auf breite Unterstützung für ein System, das weit über die Landesgrenzen hinaus Schule machen kann.
Fragen & Antworten zum Konzept Plug+Ride:
Gibt es konkrete Zahlen oder Prognosen zur erwarteten Reduzierung des Pendlerverkehrs durch Plug+Ride?
Die Ergebnisse der Fallstudie zu Park-and-Ride-Anlagen der TU München zeigen ein hohes Potenzial für kosteneffiziente Niedrigleistungs-Ladekonzepte. Diese Modellszenarien legen nahe, dass bei einer Implementierung von rund 20 % aller P+R-Stellplätze mit Ladeinfrastruktur potenziell bis zu 10 % des MIV auf den ÖPNV verlagert werden könnten – insbesondere bei Einbindung von Regionalbahnlinien mit kurzen Taktzeiten.
Warum sollte das System wirtschaftlich tragfähig sein – gerade ohne Fördermittel?
Die Kombination aus günstiger PV-Stromerzeugung, zeitversetztem Laden (Lastmanagement), möglichen Rückspeiseerlösen (V2G) und potenziellen Beteiligungsmodellen mit Stadtwerken oder Mobilitätsanbietern verspricht bereits im Vorprojekt eine solide Refinanzierungsbasis – insbesondere bei steigenden Strompreisen.
Wie realistisch ist der Einsatz von bidirektionalem Laden (V2G) und autonomem Parken bis 2026?
Das Pilotprojekt wird bewusst modular aufgebaut. V2G ist in der Erprobung – z.B in Utrecht und Göteborg – und lässt sich sukzessive einbinden. Autonomes Parken ist heute in beschränkten Arealen technisch bereits möglich (s. Bosch/Mercedes in Stuttgart) und wird zunächst simuliert bzw. vorbereitet.
Wie wird sichergestellt, dass auch Menschen mit Mobilitätseinschränkungen von Plug+Ride profitieren?
Das Konzept sieht barrierearme Abstellzonen, reservierbare Stellplätze und eine intelligente Wegeleitung vor. Im Pilotprojekt sollen verschiedene Bedarfsgruppen gezielt eingebunden werden, um inklusive Standards festzulegen.
Wie unterscheidet sich Plug+Ride von bestehenden Projekten wie Ladeparkplätzen an Supermärkten?
Im Gegensatz zum reinen Laden während kurzer Aufenthalte verbindet Plug+Ride das Parken mit der strukturellen Verknüpfung an den öffentlichen Verkehr. Die Standzeiten und Energieflüsse sind planbarer, was Netzdienstleistungen und Verkehrssteuerung ermöglicht – also mehr als nur Stromtanken.
Wie wird verhindert, dass Stellplätze von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor oder Langzeitparkern blockiert werden?
Die mit Lademöglichkeiten ausgestatteten Plätze werden nur Plug+Ride-Kunden angeboten. Die Ladevorgänge werden über den Tag verteilt digital gesteuert. Das Schnelladen wird nur angemeldeten Kunden als Sonderleistung angeboten.