VM-Test Volvo XC90 T8: Nadelgestreift ins nächste Jahrzehnt!
Zehn Jahre Produktionszeitraum sind mittlerweile ein gigantisch langer Zeitraum für ein Auto – aber nicht für einen Volvo. Das trifft auch auf den aktuellen XC90 zu, der 2014 präsentiert wurde und 2015 auf den Markt kam. Bekannte von uns orderten einst einen weißen T6, der als Norwegen-Import für 70.000 statt 85.000 Euro vorfuhr und sich optisch fast nicht von unserem Testwagen unterscheidet. Und freuen sich heute, ein immer noch fast aktuelles Auto zu haben. Womit wir beim ersten ganz großen Vorteil des XC90 sind: Er altert kaum respektive allenfalls sehr langsam.
Innen trägt er einen hocheleganten Nadelstreifenanzug
Wir öffnen die Tür, freuen uns am satten Zuklappen des Portals und an er gediegenen Verarbeitung innen: Dem Testwagen hat Volvo die nur 250 Euro teure „Navy Herringbone Weave Graphite Blue“ Polsterung spendiert, die aussieht, als hätte man ihn mit dunkelblauem Nadelstreifen ausgeschlagen. Dazu Echtholz, feines Alu und die bekannte Armaturenlandschaft mit den „klassischen“ Bedienelementen, die sich intuitiver geben als die Screens im viel moderneren EX90, von dem er den 12,3-Zoll Zentralscreen übernommen hat, der jetzt, senkrecht stehend, etwas über die Armaturentafeloberkante hinausragt.
Das Google-Bediensystem dahinter gibt sich auch hier weiter halbverständig: Manche Straßennamen will es partout nicht verstehen und in Italien tut man sich Adressangaben, die römische Ziffern beinhalten manchmal extra schwer, da Google gern einen sehr ähnlichen Punkt erwählt, der aber manchmal im Nirwana über zehn Kilometer entfernt liegen kann…Temperatur erhöhen oder senken klappt gut und „Ich habe Hunger“ führt in der Regel zu den nächsten Restaurants. Man kann auch die Geschmacksrichtung vorgeben.
Google gibt sich weitgehend verständig – und manchmal zickig
Etwas diffiziler ist es beim Sound, denn wenn man das Handy gekoppelt hat und von der Playlist auf Radio springen möchte, passiert bei „spiele Sender xxx im Radio“ gar nix. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die einem die digitale Welt dezent vergällen, da man eben dann doch immer mal wieder im Menü herumscrollen muss. Das auch beim XC90 mittlerweile so üppig ist, dass man das, was der Beifahrer tags zuvor schnell entdeckte am Tag danach schon wieder lange und teils vergeblich sucht. Ja, Volvo hat dafür extra ein Bedienheftchen an Bord gepackt und es gibt auch Online-Hilfe, aber wenn man das nötig hat, ist das Menü zu komplex oder unverständlich geschrieben oder beides!
Immer praktisch: Die erhöhbare Sitzfläche in Reihe zwei mittig
Denn: In einen Volvo wollen wir einsteigen und ihn im Winter notfalls auch mit dicken Handschuhen einfach losfahren. Gern lang und weit! Denn die Sitze gehören auch wegen ihrer echt langen Oberschenkelauflage (die man leider auch auf dem Zentralcreen bedienen muss) weiter zum Besten, was es für Langstrecken gibt, samt wirksamer Lordosenstütze. Allein die nicht verstellbaren Kopfstützen reichen nicht an die von Kia heran…auch im Fond finden zwei große Mitfahrer gut Platz, dazu gäbe es zwei weitere "Soccermumsitze" in Reihe drei – und auch hier muss sich der aktuell immer siebensitzige XC90 T8 dem luftigeren Kia EV9 und dem EX90 geschlagen geben…A propos „Elternkindtauglichkeit“: Der erhöhbare Platz mittig in Reihe zwei ist einfach fein und immer wieder praktisch mit kleinen Kids.
70 Kilometer rein elektrisch sind drin
Also legen wir endlich ab – und das immer elektrisch. Und ja, auf der Testrunde schafften wir in der Stadt und über Land konnten wir die versprochenen 71 Kilometer rein elektrische Reichweite überbieten: Genau 75,4 Kilometer strömten wir über Land bevor der 2,0-Liter-Turbobenziner ansprang. Am Ende verbrauchten wir im Test exakt 5,00 l plus 10,53 kWh/100 km. Heißt also: Wer täglich von Grün- oder dem Grunewald in die City pendelt und zurück, wird immer elektrisch fahren, sofern man den T8 dann wieder an die Wallbox oder Steckdose hängt.
Eine DC-Lademöglichkeit wäre wichtig gewesen
Auf der Langstrecke ist man allerdings eher am Tanken, denn leider kann der T8 nur AC laden und auch das nur mit 7,3 kW, sodass er mit leerem 18,8-kWh-Akku immer gut zwei Stunden am Stecker hängt. Trotzdem sind in Verbindung mit dem 70-Liter-Tank immer echte 800 Kilometer Reichweite drin, sofern man das Wikingerschiff eher gleiten lässt. Da selbst in Südeuropa immer öfter DC das Maß der Dinge ist, mussten wir so manche Lademöglichkeit liegen lassen und verbrauchten über 1.573,8 Kilometer im Schnitt 8,78 l plus 2,03 kWh/100 km. Zum Vergleich: den per se deutlich durstigeren Defender bewegten wir dank DC-Lademöglichkeit auf Langstrecke mit 9,37l + 8,20 kWh…Für ein gut 2,4-Tonnen-SUV mit gut 400 PS Systemleitung geht das im Falle des XC90 in Ordnung, liegt aber jetzt nicht dramatisch günstig.
Trotzdem ist der Fortschritt des größeren Akkus erkennbar: Der V90 brauchte 2018 im Test einst 7,2 l plus 10,4 kWh/100km und der letzte XC90 T8 genehmigte sich 2019 7,4 l plus 9,8 kWh/100 km – in Sachen CO2-Ausstoß eine klare Verbesserung!
Gute Idee: Gaspedalwiderstand statt Warngebimmel
Und sonst? Nicht viel Unterschied! Tatsächlich fährt sich der neue EX90 im direkten Vergleich trotz noch mehr Gewicht deutlich leichter, kräftiger und knackiger. Aber für sich gesehen gönnt sich der XC90 außer dem AC-Ladeanschluss only keine großen Schwächen, zumal auch bei der Fahrassistenz nachgelegt wurde: Zwar hat er nicht immer die Karte hinters Navi hinterlegt, sodass er automatisch erkennt, wann er wie verzögern muss – da sind ihm die Deutschen Premiums voraus, aber: man kann statt dem Tempowarner einen „Blocker“ aufs Gaspedal legen, dass man beim Erreichen der vorgeschriebenen Geschwindigkeit nicht mehr schneller fahren kann, außer man „übertritt“ diesen Widerstand mutwillig! Das erspart einem Gebimmel und Tickets – vor allem in Ortschaften, die gespickt voll stehen mit Blitzkästen. Die Google teils anzeigt! Auch das „Auflaufen“ auf den Vordermann hat Volvo geschmeidig programmiert. Allerdings sollte man hier den kürzest möglichen Abstand einprogrammieren, da der XC90 sonst schon laaaange vorher das Tempo merklich rausnimmt.
Weniger gelungen sind dagegen die Tempolimiterkennung, die immer mal wieder Schilderbrücken übersieht oder nicht nachjustiert: Biegt man von engen 10- oder 30er-Zone auf größere Innerstädtische Straßen ab, behält er dieses Tempolimit gern stoisch bei, bis ein neues Tempolimitzeichen kommt…man sollte also mitdenken!
Womit wir feststellen: Bei der Digitalisierung und Ladeleistung hätte man gern noch eine Schippe mehr drauflegen dürfen, denn da sind andere mittlerweile schon deutlich geschmeidiger unterwegs. Und dass man den Tickethalter an der Frontscheibe wegrationalisiert hat, finden wir sehr schade – denn wenn man sich im Urlaub nicht die zigte Parkapp runterladen will und stattdessen einfach ein paar Münzen einwirft, dann ist so ein Tickethalter praktisch. Dann müsste man den Parkzeitzettel nicht nach dem ersten Windstoß aus dem Kasten des Head-Up-Diplays fischen…
Nachgerechnet: Kommt er billiger als der EX90?
Am Ende rechnen wir nach. Und ermitteln: Trotz deutlich höherer Energiekosten kommt der XC90 im Leasing bei unserem Anbieter so viel günstiger, dass er mit 0,67 Euro/km pro Kilometer 17 Cent billiger ist als der EX90, der auch in der Versicherung dezent mehr kostet. Wie teuer Autofahren generell wurde zeigt der Vergleich zum 2019er-Modell, für das wir noch 0,55 Euro/km errechneten.
Was bedeutet das?
Am Ende stellen wir fest: Auch der XC90 „altert“ langsam – wenn man in Sachen Akku und Laden nochmal was draufpackt und bei der Digitalisierung noch einen weiteren Schritt geht, könnte der Schwede weitere zehn Jahre im Programm bleiben – gern auch im dunkelblauen Nadelstreifenanzug.
Volvo XC90 T8 in Daten und Zahlen:
Abmessungen:
LxBxH: 4.953 x 2.140 (m. Spieg.) x 1.771 mm
Radstand: 2.984 mm
Kofferraumvolumen: 262/640 - 1.816 l
Reihenvierzylinder mit Roots-Kompressor und Monoturbo mit Wastegate, 1969 ccm + E-Maschine
Fahrwerk: McPherson-Vorderachse, Mehrlenker-Hinterachse, Schraubenfedern
Max. Leistung kW (PS): 228 kW (310 PS) bei 6.000/min., E-Maschine: 107 kW (145 PS)
Max. Drehmoment (Nm): 400 bei 3.000-4.800/min., E-Maschine: 309 Nm
Messwerte:
0-60/80/100 km/h: 3,7/4,8/5,4 sek.
50-80/80-120 km/h (Kickdown Sportmodus): 2,4/3,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
Geräusch 30/50/60/80/100/120 km/h: 48,4/50,2/51,3/54,3/56,7/58,3 dB(A)
Verbrauch
Stadt: 27,51 kWh
Land: 29,29 kWh
BAB 5,19 l + 0,30 kWh
Gesamt: 5,00l + 11,35 kWh
Ladezeiten 18,8-kWh-Akku:
2,3 kW AC: ca. 12 h
7,3 kW AC: ca. 2 h 40 min.
Leergewicht: 2.449 kg
Anhängelast ungebr./gebr.: 750/2.400 kg
Grundpreis Volvo XC 90 T8 Core/Ultra Dark brutto: ab 87.490,-/94.890,- Euro (73.521,-/ 79.739,50 Euro netto)