Interview Jean-Marc Gales, CEO Wrightbus-Group: Es wird funktionieren!
Wrightbus gehört zu den „hidden champions“ und hat gerade ordentlich Rückenwind: In Europa gehört es zu den am stärksten wachsenden Busherstellern. Erst 2019 musste das 1947 von William Wright gegründete Unternehmen Insolvenz anmelden, da ein großer Kunde absprang. JCB-Gründer-Enkel Jo Bamford stieg ein und drehte das Unternehmen auf links. Im Februar 2023 holte er dann den gebürtigen Luxemburger Jean Marc Gales an Bord, der zwar an Schlüsselstellen in der Pkw-Branche besetzte – er war weltweiter Verkaufschef bei BMW und Mercedes-Benz, CEO bei Peugeot und Citroën in Paris, bei Lotus in Großbritannien, und Chairman bei Williams, aber: Mit Bussen hatte er, außer dass er als Schüler damit zur Schule fuhr, eigentlich gar nichts zu tun.
Wrightbus ist bekannt für seine Doppeldecker - Jeder kennt den "Boris Bus"
Grundsätzlich fand er ein gepflegtes Haus vor: Einst nur Aufbauhersteller baut Wrightbus seit 2012 auch die Chassis und damit fast das komplette Fahrzeug. Nur die Antriebe und Akkus werden zugekauft. Der Durchbruch war sicher der im Volksmund „Boris Bus“ genannte Routemaster-Nachfolger, den Boris Johnson in seiner Amtszeit als Bürgermeister durchsetzte. Er war als Hybrid konzipiert, bald folgten rein elektrische und brennstoffzellenbetriebene Busse, was auch den wasserstoffaffinen Bamford anzog.
Im nordirischen Ballymena, in dem zur Zeit des Konkurses keine 50 Personen mehr arbeiteten, sind jetzt wieder 2.200 Personen in Lohn und Brot, außerdem investiert man in neue Schweißroboter und eine neue Lackiererei, um effizienter zu werden und die Qualitätsstandards zu erhöhen. Zudem gründete man ein weiteres Werk in Malaysia, das den aufstrebenden asiatischen Markt abdecken soll und bis zu 600 Busse jährlich produzieren kann – günstiger als in China.
Kosten optimiert: "Einigermaßen wettbewerbsfähig"
Seit Gales antrat, optimierte er die Kosten, denn der Busbau ist nach wie vor sehr viel Handarbeit. Im Bezug auf die Kosten will Gales jetzt auch im Vergleich zu asiatischen Importen „einigermaßen wettbewerbsfähig“ sein, wie er lächelnd erklärt. Dafür mussten auch die Zulieferer große Zugeständnisse machen, profitieren aber ihrerseits von den jetzt massiv gestiegenen Stückzahlen, und: Aus Nordirland heraus sind zollfreie Exporte nach Europa erlaubt. Weiterer Standortvorteil: Eine Partnerschaft mit der Queens University in Belfast, in der Wrightbus über ein Sponsoring-Programm Wrightbus jährlich zehn Doktoranden fördert. Der Hintergrund: Jeder Doktorand betreut zehn Diplomarbeiten, womit man Input aus den Dissertationen und 100 Diplomarbeiten pro Jahr erhält – mit vergleichsweise überschaubarem finanziellen Aufwand“.
Großer Aufwand beim Service
Großen Aufwand treibt man dagegen beim Service: Denn Wrightbus-Busse sollen in der Regel 20 Jahre und rund eine Million Kilometer laufen – für diesen Zeitraum kann Gales eine effektive Nutzungszeit von 98,6 Prozent nennen. Deshalb sind allein in Großbritannien rund 70 Außendienstmitarbeiter mit voll ausgestatteten Servicevans unterwegs, die bei Problemen direkt zu den Bussen respektive Kunden fahren. Solche Vans soll es auch in Deutschland geben – auch für Rightech. Dazu kommen ein Servicecenter im britischen Bicester und im deutschen Brühl, weitere Center in Nord- und Süddeutschland sollen folgen.
Das Werk in Malaysia als Hub für den asiatischen Markt ausbauen. Neu ist zudem der Bereich Repower, in dem man Diesel- zu Elektrobussen umbaut, auch von Fremdfabrikaten, wofür man eine eigene Firma gegründet hat. Im Bereich der infrastrukturellen Dekarbonisierung will man jedenfalls ganz vorn dabei sein. Bei der Präsentation von Rightech wurde schnell klar: Bamford und Gales sind Macher und haben die größte Freude daran, ein Projekt gemeinsam mit hervorragenden Leuten voranzubringen. Wie das konkret aussehen soll, verriet er uns im Interview.
Wrightbus wurde erst 2019 aus der Insolvenz gerettet – wie habt Ihr den Turn zum schnellst wachsenden Bushersteller Europas geschafft?
Gales: Das waren viele Hebel. Die Umstellung, stark auf lokal emissionsfreie Antriebe zu setzen, war sicher die wichtigste Entscheidung. Wir erschließen neue Märkte und planen für 2026 mit 1.500 Einheiten, 2027 wollen wir die Umsatzmilliarde knacken – eine profitable Milliarde. Denn der Markt für alternativ angetriebene Busse wächst weiter. In UK decken wir mittlerweile 40% des Marktes für alternativ angetriebene Busse ab und auch in der übrigen EU wächst dieser Markt weiter. Das ist ein starkes Momentum, das wir nutzen müssen. Trotzdem: Wenn wir hier langfristig im Geschäft bleiben wollen, müssen wir weiter wachsen.
Das klappt mit Bussen sehr gut aber wie kam man dann auf die Gründung von Rightec?
Gales (schmunzelt): Wir bieten eine eigene Telematik und einen eigenen 24/7 Full-Service an. Bei der Auswertung der Daten kam uns die Idee, dass Verteiler-Lkw und Midibusse ziemlich genau das gleiche Anwendungsprofil haben wie Stadt- und Überlandlinienbusse: Sie sind den ganzen Tag mit überschaubarer Strecke unterwegs und können nachts im Depot geladen werden. Und bewegen sich meist innerhalb emissionsfreier Zonen, sollten also tunlichst Zero Emission sein. Dazu kommt: Auch der Lkw-Markt mit alternativen Antrieben im Segment bis 7,5 Tonnen wächst – aktuell um rund zwei bis drei Prozent pro Jahr. In „elektrisch entwickelten Staaten“ wie Benelux, Deutschland, den Nordics und UK machten alternative Antriebe 2024 rund acht Prozent des Segmentes aus, auch hier besteht also Stückzahlenpotenzial. Und ein Nebenaspekt ist, dass wir keine Geschichte im Lkw-Sektor haben, das macht uns frei. Ich bin da sehr optimistisch!
Sie kaufen Lkw von JAC zu. Wieviel Wrightbus steckt in denen und wie kam man auf den Partner?
Gales: Wir haben über eineinhalb Jahre viele Hersteller in China besucht. Bei JAC stimmte die Qualität und vor allem die Chemie. Sie haben sehr genau verstanden, was wir brauchen. In den Rightec-Trucks steckt dann mehr Wrightbus als man denkt. Wir haben 30.000 Stunden in die Homologation und Detailänderungen investiert. Grundsätzlich gehen wir hier den sicheren Weg.
Inwiefern?
Gales: Wir überlegten, hier etwas Eigenes neu aufzusetzen oder zuzukaufen. Ersteres wäre zu teuer und langwierig gewesen. Ein ganz neues Produkt vollständig zu entwickeln und in den Markt zu bringen, birgt immer auch ein hohes finanzielles Risiko. Bei JAC fanden wir eine optimale Basis, teils mit Komponenten, deren Langlebigkeit bereits im Alltag bewiesen ist. Das gilt für die Akkus von CATL genauso wie für die Antriebe, Inverter und Konverter. Teils nutzen wir die selben Hersteller in unseren Bussen und kennen daher die Zuverlässigkeit sodass wir wissen: Es wird funktionieren! Was aber noch wichtiger ist: Wir können deshalb auch lange Garantien auf Service und Wartung geben und wissen, dass der Teilesupport klappt.
Service und Vertrieb sind in diesem Segment fast noch wichtiger als das Produkt selbst. Wie wird das organisiert?
Gales: Die Basis ist das Wrightbus-Servicenetz. Unsere Leute kennen auch das Truckgeschäft.
Dazu gehören auch die Kontakte zu Aufbauherstellern, die ja immer noch regional agieren. Wie sieht es da aus?
Gales: Hier haben wir in Deutschland mit Peter Kuhn einen erfahrenen Experten an Bord. Und unsere Zentrale in Brühl, wo wir auch unser Ersatzteillager haben werden, liegt ziemlich günstig.
Und wie sieht es mit der Ladeinfrastruktur aus?
Gales: Auch hier haben wir vollen Support von Ryze Power mit deren CEO Gabor Beyer.
Oh ja, guter Mann. Wir sprachen vorher schon kurz mit ihm – er ist tatsächlich ein Profi und vor allem Möglichmacher. Gut, wir haben Service, Aufbauten, Energieversorgung – wie sieht es mit den Software-Daten aus, müssen die nach China zu JAC?
Gales: Nein. Das ist der ganz große Unterschied! Denn wir sind kein JAC-Importeur, der einfach einen Lkw umlabelt, sondern wir setzen unsere eigene Software auf und haben im Zuge der Homologation auch einige Teile geändert. Unser Entwicklungschef Robert Best weiß, wie man E-Antriebe baut. Und mit der Uni Belfast modellieren wir Routen, die man dann zusammen mit den Kunden optimieren kann, wenn man ihre Anforderungsprofile kennt. Unsere Software und Telematik helfen so optional jedem Kunden, seine Kosten zu reduzieren.
Wie sieht das dann in der Praxis aus? Ab wann kommen die ersten Fahrzeuge nach Deutschland?
Gales: Wir haben mit Order und Verschiffung rund vier Monate Vorlauf. Dann brauchen wir in Ballymena rund eine Woche, um die Fahrzeuge kundenfertig zu machen, bevor wir sie nach Brühl oder zum Aufbauer schicken. Aktuell sprechen wir mit zig potenziellen Kunden in Deutschland und von einigen wurde bereits konkretes Interesse signalisiert.
Können Sie uns für die Lkw auch ein Zeitfenster und Absatzziel nennen?
Gales (lächelt): Kann ich natürlich! Wir wollen bis Juni oder Juli 2025 erste Fahrzeuge auf den Straßen haben und rechnen für das Jahr noch mit rund 250 Auslieferungen in Europa. Seit dem 29. Januar sind die Bestellbücher geöffnet!
Das Interview führte Gregor Soller
Zur Person: Jean Marc Gales
Er wurde am 16.8.1962 im luxemburgischen Esch-sur-Alzette geboren. Gales besitzt einen Master-Abschluss in Managementwissenschaften (Imperial College London) und ein Diplom als Maschinenbauingenieur (Universität Karlsruhe). Seine Karriere begann 1990 bei BMW, wo er verschiedene Führungspositionen innehatte (strategische Planung, Konzernkoordination, Organisation). Von 1998 bis 2003 arbeitete er bei Volkswagen, wo er zunächst Direktor für strategisches Marketing und später Direktor für Konzernmarketing war. Bei GM war er von 2003 bis 2006 nacheinander als Generaldirektor für leichte Nutzfahrzeuge sowie als Generaldirektor für Vertrieb, Marketing und Kundendienst in Zentraleuropa für die Marken Opel und Saab tätig. 2006 wurde er weltweiter Vertriebsleiter von Mercedes-Benz, 2009 wurde er zum Mitglied des Vorstands von PSA Peugeot Citroën ernannt. Am 5. Januar 2012 übernahm er die Leitung des europäischen Automobilzuliefererverbandes CLEPA. Von 2014 bis 2018 war Jean-Marc Gales Geschäftsführer von Lotus Cars. 2021 trat er bei Williams Advanced Engineering als Chairman ein, seit 2023 ist er CEO bei Wrightbus.