Test Cadillac Lyriq: Lyrisches Comeback?
Fließhecklimousinen haben bei Cadillac durchaus Tradition: In den späten 1940ern waren diese fließenden Hecks der letzte Schrei, bevor aus ihnen erste zarte Flossen erwuchsen. Dann dominierte über Jahrzehnte das „Three-Box-Design“ mit Stufenheck, bevor die fließenden Hecks vor allem in den USA – immer gern mit kleinem Kofferraumdeckel – in den späten 2010ern zurückkehrten.
Typisch US-Mitnahmementalität: Ein Preis, zwei Ausstattungen, optional ein paar Extras
Diesem Trend folgte Cadillac bei seinen elektrischen Limousinen Lyriq und Celestiq, wobei Letzterer gleich in der 300.000-Dollar-Plus-Liga Rolls-Royce und Co. angreifen soll. Optisch sehr ähnlich, aber mit 83.000 Euro viel günstiger. Mit genau 5 Metern Länge tritt er gegen BMW i5 und Co. an, gibt aber klar den praktischen Exoten. Die Auswahl beschränkt sich auf die zwei kaum unterscheidbaren Lines „Luxury“ oder „Sport“ für je 83.000 Euro mit „Weitestgehend-All-in-Ausstattung“, wenn man ihn in Silber nimmt. Sonst kann man für 950 respektive 1.950 Euro andere Farben wählen, seit Neuestem auch Nappaleder für 3.000 Euro, das elektrische Panorama-Glasschiebedach für 2.000 Euro, eine abnehmbare Anhängerkupplung für 2.270 Euro und einen Dachträger für 510 Euro – fertig. Unser Testwagen trug eine eher US-typische Konfiguration: das teure und dafür extrem unauffällige „Crystal White Tricoat“ in Kombination mit der beigen Innenausstattung.
Feine Haptik und teils individuelle Optik
Die Haptik und Optik entspricht der Klasse, man findet vorn sehr gut Platz, im Fond bekommen große Personen schon Deckenkontakt und: Die Kopfstützen dort sind viel zu weit hinten angebracht. In einer Schwere schießt er glatt drüber: Mit 2.863 Kilogramm gehört der Caddy zu den schwersten Brocken, die wir je am Start hatten! Die rühren vom soliden Aufbau und vor allem dem riesigen 102-kWh-Akku her, der laut Cadillac trotzdem nur für 530 km Reichweite nach WLTP gut sein soll. Und mit 388 kW (528 PS) durch zwei E-Maschinen, die bis zu 600 Nm Drehmoment an die Achsen schaufeln, ist der Lyriq alles andere als ein zartes Pflänzchen: Wir erwarten eher eine durstige Hortensie, doch trotz eher schlechter Testbedingungen „begnügte“ sich der Lyriq mit 26,94 kWh/100 km, was angesichts des Gebotenen durchaus noch in Ordnung geht.
Von „Super Cruise 2“ ist er in der EU noch weit entfernt
Auch die Fahrwerksabstimmung findet einen guten „Wuchs“ zwischen flauschig-weich und straff – nur ganz grobe Querfugen oder Erhebungen lässt er durch, die Lenkung dürfte allerdings deutlich direkter sein: Von Anschlag zu Anschlag sind es gut drei Umdrehungen, was dem Caddy eine dezente Trägheit verleiht, die er allenfalls gewichtsseitig hat.
Das ESP greift vergleichsweise früh ein, hilft aber in zu schnell angegangenen und/oder zu engen Kurven beim Eindrehen, sobald man den Fuß vom Fahrpedal hebt. Ansonsten ist er eher einfach abgestimmt: Der Abstandstempomat macht einen ordentlichen Job und verknneift sich zu heftiges Verzögern, aber von „Super Cruise 2“, das in Europa auch noch gar nicht zulässig ist, ist der Testwagen noch weit weg. Auch das intuitive Fahren über Land, wo – da immer die Karte „hinterlegt“ ist – jede Kreuzung und jeder Kreisel erkannt wird, um zu verzögern, kennt er nicht.
Rekuperieren kann man sehr intuitiv
Dafür bietet er eine eigene, sehr intuitive Art der Rekuperation: Dafür hat er ein eigenwilliges Zughebelchen, das, je stärker man es zieht, umso stärker verzögert. Da kann man sich sehr schnell dran gewöhnen und es funktioniert besser als das „Paddeln“ am Lenkrad oder tempolimitbasierte automatische Rekuperationseinstellungen, die dann schon mal reingrätschen, weil sie eine Fünf- oder Zehn-km/h-Begrenzung in einem Hof neben der Straße entdeckt haben. Und machen wir uns keine Hoffnung: Geschwindigkeitsbegrenzungen erkennt auch der Lyriq nur selten korrekt. Bei der Bedienung hat Cadillac viel auf kapazitive Touchflächen gelegt, doch sind diese erstens großzügig angelegt und melden zweitens gut zurück – haben sie wahrscheinlich im Winter nach einem Blizzard in Michigan, Kanada und Alaska mit dicken Handschuhen extra ausprobiert.
Aber man kann ja auch auf dem Zentralscreen touchen oder mit dem Lyriq sprechen: Und während die Menüs ganz geschickt gegliedert sind, tut er sich mit dem Sprachverständnis eher schwer. Wer lyrisch Süßholz raspelt und anmerkt, dass man Hunger hätte oder dass man friert, der erntet eher Unverständnis. Wohingegen man durchaus die Temperaturen um gewünschte x Grad erhöhen oder senken kann.
Die elektrische Sitzverstellung liegt in den Türtafeln und am Lenkrad gibt es noch zwei satt rastende Lenkstockhebel, dazu kommt eine Tasterklaviatur fürs Klima – da bleibt der Caddy angenehm klassisch.
Laden können soll er dank der 800-Volt-Ultium-Plattform mit bis zu 190 kW, was mittlerweile schon wieder ein eher dezenter Wert ist, doch diese 190 kW hält er leider nicht lang, sodass der Hub von 10 auf 80 Prozent schon mal 40 Minuten plus dauert – zumal hier ja ein riesiger Akku gefüllt werden will. Dafür kann er AC auch 22 kW, was interessant für Business-Meetings oder längere Shopping-Touren ist, wo man ihn mal drei bis fünf Stunden anhängt und dann mit vollem Akku wieder abreisen kann.
Am Ende punktet der Lyriq mit ordentlicher Qualität, individueller Optik und Variabilität. Gern dürfte er etwas leichter sein, schneller laden und sich eine Idee direkter lenken. Womit er eine solide Leistung abliefert – aber keinen neuen „Standard of the world“ setzt, den die Marke schon mal für sich beanspruchte.
Am Ende rechnen wir mal schnell nach: Während die Leasinggebühren für die Klasse durchaus in Ordnung gehen, schlagen Verbrauch und vor allem Versicherung voll durch: Am Ende kostet der Lyriq nach unserer Rechnung 90 Cent pro Kilometer. Nun ja, Caddy fahren war schon immer etwas teurer – auch mit fließendem Heck.
Was bedeutet das?
Der Lyriq erzählt die Alternativen in oberen Mittelklasse lyrisch fort und stellt sich selbstbewusst in die Nische zwischen Stufenheck, Kombi und CUV. Und typisch amerikanisch klotzt er mancherorts, ohne dabei die Welt neu zu erfinden.
Cadillac Lyriq in Daten und Zahlen:
Abmessungen:
L x B x H: 5.005 x 1.977 x 1.623 mm
Radstand: 3.094 mm
Kofferraumvolumen: ab 588 – 1.722 l
perm. erregte Synchronmotoren v.+h.
Fahrwerk: McPherson-Vorderachse, Mehrlenker-Hinterachse
Max. Leistung kW (PS): 388 kW (528 PS)
Max. Drehmoment: 610 Nm
Messwerte:
0-60/80/100 km/h: 3,7/4,4/5,4 sek.
50-80/80-120 km/h: 2,1/2,9 sek.
Geräusch 30/50/60/80/100/120 km/h: 47,2/48,9/51,2/52,7/55,6/57,5 db(A)
Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h
Testverbrauch:
City: 22,52 kWh/100 km (11,9 g CO2)
Land: 22,39 kWh/100 km (11,8 g CO2)
Autobahn: 29,87 kWh/100 km (15,7 g CO2)
Gesamt: 26,94 kWh/100 km (14,2 g CO2)
Ladezeiten 102-kWh-Akku:
2,3 kW AC: ca. 44 h 20 min.
11 kW AC: ca. 9 h 20 min.
22 kW AC: ca. 4 h 40 min.
190 kW DC 10 - 80%: ca. 45 min.
Leergewicht (m. 80-kg-Fahrer): 2.863 kg
Zuladung: 437 kg
Anhängelast ungebr./gebr.: 750 / 1.587 kg
Wendekreisdurchmesser: 12,5 m
Grundpreis: ab 83.000 Euro brutto (69.747,90 Euro netto)