VM-Interview Free2Move-CEO Ahmed Mhiri: "Ein Sharing-Auto ersetzt zehn private"
VM: Wie geht es in Deutschland voran seit der Übernahme von ShareNow?
Ahmed Mhiri: Seit der Übernahme von Share Now im Jahr 2022 hat Free2move die vollständige Integration und den Turnaround in nur 18 Monaten erfolgreich abgeschlossen – was unser operatives Geschick und unsere strategische Ausrichtung unterstreicht. Unsere Teams, Tochtergesellschaften, Technologie, App und Marke sind nun vollständig unter dem Namen Free2move vereint. Dieser Meilenstein markiert das Ende der Konsolidierungsphase und den Beginn eines neuen Kapitels. Wir haben bereits damit begonnen, unser Angebot an Elektrofahrzeugen in neuen Märkten zu erweitern, zum Beispiel in Deutschland, wo wir bereits über 800 E-Fahrzeuge in Städten wie Berlin und Stuttgart eingeführt haben, um den Wandel hin zu nachhaltiger Mobilität weiter zu unterstützen. – ein wesentlicher Schritt hin zu nachhaltiger Mobilität.
VM: Welche Potenziale sehen Sie für Carsharing generell im Hinblick auf den Klimaschutz und die Verkehrswende?
AM: Carsharing ist ein wichtiger Baustein für eine nachhaltigere und inklusivere urbane Mobilität. Durch die Verringerung der Anzahl privat genutzter Fahrzeuge trägt es direkt zu geringeren Emissionen, weniger Verkehrsstaus und einer effizienteren Nutzung des städtischen Raums bei. Free2move betreibt bereits eine globale Flotte mit über 4.000 Elektrofahrzeugen, die den CO₂-Ausstoß erheblich reduzieren. Im B2B-Sektor ist die Wirkung sogar noch größer: Unternehmen, die Sharing-Fahrzeuge nutzen, profitieren von einer optimierten Routenplanung, Echtzeitüberwachung und datengesteuerter Logistik – all das reduziert nicht nur die Betriebskosten, sondern auch die Umweltbelastung. Mit Blick auf das europäische Verbrenner-Verbot ab 2035 wird elektrisches Carsharing eine zunehmend zentrale Rolle bei der Verkehrswende spielen.
VM: Es heißt immer, ein Sharing-Auto ersetze 10 bis 20 Privatfahrzeuge. Können Sie das bestätigen?
AM: Ja, diese Schätzung wird von mehreren unabhängigen Studien gestützt, unter anderem von der Denkfabrik Fleet Mobility. Ein geteiltes Fahrzeug kann insbesondere in dicht besiedelten Städten bis zu zehn privat genutzte Autos ersetzen, da flexible Mobilitätsangebote dort eine attraktive Alternative zum eigenen Wagen darstellen.
Mit einer globalen Flotte von mehr als 12.000 Fahrzeugen - davon mehr als 4.000 elektrisch - spielt Free2move eine zentrale Rolle bei diesem Wandel. Unser Unternehmen, das weltweit Millionen von Kunden bedient, trägt aktiv zur Verbesserung der Luftqualität, zur Verringerung von Verkehrsstaus und zur Freigabe von städtischem Raum bei, der derzeit von Parkplätzen belegt wird.
VM: Das Geschäftsmodell ist schwierig, vor allem weil auch hohe Parkgebühren anfallen. Sollten Sharing-Autos kostenfrei parken können?
AM: Die Parksituation stellt eine der größten operativen und wirtschaftlichen Herausforderungen im Carsharing dar. In vielen Städten gefährden hohe Kosten und begrenzte öffentliche Parkmöglichkeiten die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Angebots. Gleichzeitig erkennen Kommunen zunehmend den gesellschaftlichen Mehrwert eines geteilten Mobilitätsangebots als Ergänzung zum öffentlichen Verkehr, das Verkehr, Emissionen und privaten Parkraumbedarf reduziert. Free2move setzt sich für einen strukturierten Dialog mit Stadtverwaltungen ein, um reservierte Parkplätze zu sichern und Parkraumpolitiken zu überdenken. Gute Rahmenbedingungen für Carsharing sind eine gemeinsame Aufgabe: Städte brauchen flexible Mobilitätslösungen, deren Erfolg aber von unterstützenden Regulierungen und Infrastruktur abhängt.
VM: Ist Free2Move mit den Sharing bereits profitabel unterwegs?
AM: Ja, Free2move hat bereits im Jahr 2021 die Gewinnzone erreicht. Zwischen 2021 und 2024 verzeichnete das Unternehmen eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (CAGR) von 99%, angetrieben durch organisches Wachstum, die erfolgreiche Integration von Akquisitionen wie Share Now sowie die Einführung der eigenen Technologieplattform. Diese finanzielle Stabilität, gepaart mit einer skalierbaren Betriebsstruktur, ermöglicht es Free2move, künftige Herausforderungen zu meistern und Chancen in einer sich schnell verändernden Mobilitätslandschaft zu nutzen.
VM: Noch komplexer wird es, wenn man elektrisches Carsharing betreiben will. Hier gab es zuletzt Rückschläge, aber eigentlich wäre es die konsequenteste Form im Hinblick auf die CO2-Reduktion. Wie kann es dennoch klappen und wie hoch ist aktuell der Anteil E-Fahrzeuge in der Free2Move-Flotte in Europa?
AM: Derzeit besteht die europäische Flotte von Free2move zu etwa 25 Prozent aus Elektrofahrzeugen, jedoch mit dem Ziel, diesen Anteil bis Ende 2025 kontinuierlich zu erhöhen. Die größte Herausforderung ist nicht die Nachfrage der Nutzerinnen und Nutzer, sondern der Mangel an zugänglicher und zuverlässiger Ladeinfrastruktur. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder in eigene Ladestationen zu investieren, was kapitalintensiv ist, oder mit Städten zusammenzuarbeiten, um öffentliche Ladenetze auszubauen. In Städten mit hohen Immobilienkosten, wie zum Beispiel Berlin, ist die zweite Option leichter realisierbar. Ohne strategisch platzierte Ladestationen entstehen längere Standzeiten und operative Ineffizienzen. Daher ist eine robuste öffentliche Infrastruktur essenziell, um elektrisches Carsharing skalierbar zu machen und dessen volles Umweltpotenzial auszuschöpfen.
VM: Der private Autobesitz in Deutschland ist aktuell nicht rückläufig, sondern wächst sogar leicht, auch wenn die Fahrleistung sinkt. Warum glauben Sie dennoch an die Idee vom „geteilten Auto“?
AM: Auch wenn der private Pkw-Besitz leicht zunimmt, ist die Nutzung tatsächlich rückläufig – ein Zeichen für ein verändertes Mobilitätsverhalten. Die Menschen suchen nach flexibleren und kostengünstigeren Lösungen wie Carsharing, was Nutzenden durch den Wegfall von Fixkosten wie Versicherung, Steuern und Wartung zahlreiche Vorteile bietet. Free2move positioniert sich dabei nicht als Ersatz für öffentliche Verkehrsmittel, sondern als deren Ergänzung. Unsere Nutzerinnen und Nutzer kombinieren oft verschiedene Verkehrsmittel und nutzen das Auto für die „letzte Meile“ oder spezielle Bedürfnisse. Dank unserer intuitiven App und der digitalen Plattform lassen sich Fahrzeuge innerhalb weniger Minuten finden und parken. Diese Benutzerfreundlichkeit macht Carsharing zu einer überzeugenden langfristigen Lösung für die Mobilität der Zukunft.
VM: Telematik und Software spielt eine entscheidende Rolle beim Carsharing. Wie kann das hier noch geschmeidiger werden?
AM: Free2move setzt auf eine eigene, cloudbasierte Technologieplattform für Echtzeit-Fahrzeugservices, vorausschauende Wartung und Routenoptimierung. Diese Systeme reduzieren Ausfallzeiten, verbessern die Kraftstoff- und Energieeffizienz und erhöhen die Sicherheit. In Deutschland, wo hohe Standards für Umwelt- und Sicherheitsanforderungen gelten, sorgt unsere Technologie für volle Compliance und liefert gleichzeitig leistungsfähige Analysen zur Betriebsoptimierung. Zukünftig werden fortschrittliche Softwarelösungen entscheidend sein, um neue Technologien wie autonome Fahrzeuge und Luftmobilität in das Carsharing-Ökosystem zu integrieren.
VM: Gibt es auch am Land Potenziale für Carsharing und wie müsste man sie heben?
AM: Free2move hat ein Franchise-Modell entwickelt, mit dem lokale Partner flexible Mobilitätsangebote auch in Vororten und ländlichen Regionen entwickeln können. Mit über 3.600 Partnern weltweit können wir flexibel auf regionale Bedürfnisse eingehen und Mobilität auch außerhalb großer Städte zugänglich machen. So lassen sich Lücken im öffentlichen Nahverkehr schließen und die regionale Vernetzung sowie Teilhabe fördern.
VM: Ist Carsharing auch für Unternehmen interessant, etwa, um die eigene Flotte und damit Kosten zu reduzieren?
AM: Ja, Carsharing gewinnt für Unternehmen zunehmend an Bedeutung, insbesondere für jene, die flexible und kosteneffiziente Flottenlösungen suchen. Mit Free2move können Firmen bei Bedarf auf Fahrzeuge zugreifen und so unterausgelastete Firmenflotten vermeiden – das spart Anschaffungs-, Wartungs- und Versicherungskosten.
Darüber hinaus können Unternehmen durch die Integration von Elektrofahrzeugen ihre ESG-Ziele vorantreiben und ihren ökologischen Fußabdruck verringern. Unsere digitale Plattform bietet Echtzeitbuchungen, zentrales Management und Nutzungsanalysen und macht die Unternehmensmobilität damit transparenter, effizienter und nachhaltiger.