PKW

Nissan: Der Feststoffakku wird Alles ändern!

Die Elektrifizierung der Mobilität verlor 2024 in Europa massiv an Fahrt. Das betrifft viele Bereiche, auch bei Nissan, wo man mit dem Leaf einst zu den Vorreitern gehörte und schon immer einen Fokus auf Second-Life-Akkus legte. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wir fragten Nissans Vizepräsidentin Friederike Kienitz nach dem aktuellen Stand der Dinge. Sie ist im Konzern in der AMIEO-Region (Afrika, Mittlerer Osten, Indien, Europa und Ozeanien) verantwortlich für das Thema Nachhaltigkeit.

Bestens gelaunt: Im Interview äußerte sich Friederike Kienitz zum geplanten Feststoffakku - den Nissan komplett selbst plant und fertigen wird. Sie ist im Konzern Senior Vice President in der AMIEO-Region (Afrika, Mittlerer Osten, Indien, Europa und Ozeanien) und damit verantwortlich für das Thema Nachhaltigkeit. | Foto: G. Soller
Bestens gelaunt: Im Interview äußerte sich Friederike Kienitz zum geplanten Feststoffakku - den Nissan komplett selbst plant und fertigen wird. Sie ist im Konzern Senior Vice President in der AMIEO-Region (Afrika, Mittlerer Osten, Indien, Europa und Ozeanien) und damit verantwortlich für das Thema Nachhaltigkeit. | Foto: G. Soller

Nissan hat mit dem Leaf einen der ersten vollelektrischen Großserien-Pkw auf den Markt gebracht und sich früh mit Second-Life-Konzepten befasst. Aktuell ist es vor allem um diese etwas ruhiger geworden. Warum?

Kienitz: Der Wind ist rauer geworden. Die Transformation vom Verbrenner zum Elektrofahrzeug stürzte nach einem starken Hochlauf in Deutschland regelrecht ab, und die Kundennachfrage entwickelt sich in vielen Märkten nicht so wie erwartet. Die Komplexität einer globalen Welt ist eine neue Herausforderung. Aber Herausforderungen sind ja auch gut.

Auch Nissan steht vor Herausforderungen: Man braucht nach der gelockerten Allianz mit Renault einen neuen Partner und neue Modelle. Was ist da geplant?

Kienitz: Vieles! Es kommen demnächst ein Ersatz für den Leaf und ein neues kompaktes EV. Zudem arbeiten wir an neuen Powertrain-Technologien, und auch der Automated Drive Pilot wird weiterentwickelt – immer nach dem Motto „Hands on the wheel, eyes on the road“.

Wie sieht es mit den Second-Life- und Recyclingprojekten für die Akkus aus, denen Nissan immer viel Bedeutung beimaß?

Kienitz: Der Akku ist der größte Kostenfaktor eines Elektroautos und damit auch sein wertvollstes Bauteil. Diesen Wert behält der Akku weit über das erste Leben im Fahrzeug hinaus. Wir haben viele Tests und Projekte angestoßen, wie man gebrauchte Akkus weiterverwenden könnte – im kommerziellen wie im privaten Bereich. Beispielsweise in Gepäcktransportwagen von Flughäfen oder in Kombination mit Solarpaneelen als Energiespeicher für Gebäude. Aber: Die Akkus halten viel länger als gedacht! Wir bekommen also für Second-Life-Projekte nicht so viele Batterien zurück, wie wir anfangs dachten. Unser Fokus bleibt jedoch: Mit Partnern entwickeln wir momentan in den nordischen Ländern und Großbritannien ein System, um die Akkus nach dem Ende der Lebenszeit der Autos zurückzubekommen und dann zu entscheiden, ob sie weiterverwendet, recycelt oder verschrottet werden müssen. Idealerweise sollen dabei so viele Batterien wie möglich in einen zweiten Lebenszyklus kommen.

Es gab mit The Mobility House bereits Projekte für Energiespeicher. Könnte man Autos oder diese Second-Life-Akkus nicht als Pufferspeicher nutzen?

Kienitz: Grundsätzlich ja! Die Akkus aller 350.000 bisher verkauften Leaf haben zusammen eine Speicherkapazität von zwei Gigawattstunden. Damit könnte man zwei Atomkraftwerke oder vier Kohlekraftwerke ersetzen und den täglichen Strombedarf von 200.000 Haushalten decken. Das ist ein riesiges Potenzial. Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Partnerschaften zu schließen, um das später skalieren zu können. Man kann hier mit Upstorage ein ganzes Mikrogrid schaffen und das Ganze in ein V2X-Netz einbinden.

Spielen da nicht die Händler auch eine wichtige Rolle?

Kienitz: Die Händler müssen da auf jeden Fall eingebunden werden, um die Akkus zurückzubekommen und sie dann in den Zweitverwendungsmarkt geben zu können. Der Teufel steckt hier aber im Detail.

Inwiefern?

Kienitz: Beispielsweise im Transport von Akkus. Die Regularien sind immens komplex und variieren lokal sehr stark. Jedes Land hat hier eigene Vorschriften – und das sogar innerhalb der EU! Gleiches gilt für den späteren Einsatz der Batterie, beispielsweise im Bereich von V2G, also der Rückspeisung von Energie ins Stromnetz. Hier beginnt die europäische Politik gerade erst, einheitliche Regelungen aufzusetzen. Wichtig ist aber, parallel schnell technisches Know-how für den Umgang mit den gebrauchten Akkus aufzubauen. Das betrifft die Hersteller ebenso wie die Recyclingindustrie und die Politik. Hier ist jetzt eine konstruktive Zusammenarbeit aller Beteiligten wichtig.

Die aber manchmal lähmend viel Zeit zu kosten scheint.

Kienitz: Bei der Transformation darf Schnelligkeit nicht das einzige Kriterium sein – die Kunden müssen mitkommen. Alle Hersteller haben riesige Summen in den Aufbau der E-Mobilität investiert, und trotzdem kosten Elektroautos immer noch mehr als Verbrenner. Es besteht die Gefahr, dass man politische Ziele erreichen will, ohne die Bevölkerung auf dem Weg dorthin mitzunehmen. Ich habe da vollstes Verständnis dafür. Aktuell hat man den Eindruck, dass man dazu gezwungen wird, eine Technik zu kaufen, die man sich aber nicht leisten kann. Das birgt die Gefahr, dass man sich verzettelt.

Wie könnte man das lösen?

Kienitz: Mit klarer Ausrichtung! Der Weg muss klar definiert sein, aber es muss auch gewährleistet sein, dass alle mitkommen können. Es hilft nicht, wenn man starr an Zielen festhält. Am Ende gewinnt keiner, wenn die Industrie an den starren Zielen kaputtgeht! Notfalls müssen wir die Ziele pragmatisch und flexibel anpassen, beispielsweise wenn sich der Markt ändert.

Sie spielen auf die CO2-Strafzahlungen für Autohersteller an, die 2025 nicht genügend E-Fahrzeuge verkaufen?

Kienitz: Genau. Bei der aktuellen Nachfrage nach E-Autos sind die vorgegebenen CO2-Ziele kaum erreichbar. Um die Strafen zu vermeiden, müssen Unternehmen entweder E-Autos um jeden Preis in den Markt drücken oder die Produktion zurückfahren und keine Verbrenner mehr verkaufen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Profitabilität der Autoindustrie, sondern auch auf die Arbeitsplätze. Es hilft keinem, wenn die Industrie zusätzlich zu den Investitionen in die neue Technik auch noch Strafen dafür bezahlen muss, dass die Gesellschaft heute noch nicht in dem Maße bereit ist, mitzuziehen oder sich die Mobilitätswende nicht leisten kann. Trotzdem müssen dieses Jahr wichtige Entscheidungen für die künftigen Weichenstellungen getroffen werden. Das hat absolute Dringlichkeit. Die Politik muss agil genug sein, diese Dringlichkeit zu sehen und danach zu handeln!

 

 

Dringlichkeit zu handeln spüren wir in Europa ja auch aus den USA, wo Diversität und Nachhaltigkeit gerade im Eiltempo zurückgedrängt werden. Wie bewertet Nissan diese Entwicklung?

Kienitz: Die Trends in den USA sehe ich zum Glück nicht in Europa. Für Nissan basiert der Erfolg des Unternehmens auf Nachhaltigkeit sowie auf Vielfalt, Gerechtigkeit und Teilhabe. Nissan wird nicht von diesen Werten abweichen – weder global noch hier in der Region. Nur der tolerante Umgang mit gesellschaftlichen Unterschieden erlaubt uns, verschiedene Perspektiven und andere Denkansätze auf den Tisch zu bringen, um mit den neuen Herausforderungen umzugehen. Die Transformation ist so komplex, dass man mit alten Denkweisen hier nicht weiterkommt!

Welche Themen will Nissan dann fokussieren?

Kienitz: Sicherheit und Effizienz! Das Auto kann perspektivisch viel mehr, als man aktuell realisiert. Mit Datenanalyse kann man Autos viel effizienter betreiben, und ohne Fahrer könnte man Vorteile bei den Versicherungstarifen haben. Zumal unsere Gesellschaft immer älter wird. Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil unseres sozialen Netzes, und so können wir auch ältere Menschen immer einbinden und im wahrsten Sinne des Wortes abholen. Und ja, natürlich werden hier Jobs wegfallen, aber es werden auch wieder neue hinzukommen.

Wie bewerten Sie die Zukunft der Autohersteller als Mobilitätsdienstleister? Bisher ist es ein großes Problem, hier profitabel zu agieren.

Kienitz: Wir sind und bleiben ein Automobilhersteller. Aber natürlich gehen wir tief in die Technik, um die Möglichkeit zu geben, verschiedene Services nutzen zu können. Die Frage ist hier jedoch, wo man wie tief einsteigen muss und wie viele Plattformen man bespielt.

Autonomes Fahren gehört augenscheinlich dazu – da haben wir bisher unterschiedliche Vorgehensweisen vernommen. Es gibt Hersteller, die das Ganze im Alleingang entwickeln, andere brauchen dazu den Schulterschluss mit der Infrastruktur. Wie bewertet Nissan das?

Kienitz: Ganz klar: Das Fahrzeug muss als solches autonom funktionieren können, unabhängig von einer Infrastruktur. Das gebietet schon die Sicherheit! Wenn die Infrastruktur ausfällt, muss das System trotzdem funktionieren. Das bedeutet aber nicht, dass man die Infrastruktur nicht nutzen könnte, um zusätzliche Sicherheit oder Features zu bieten. Es geht hier darum, das volle Potenzial auszunutzen. Das Hauptproblem der Infrastruktur ist, dass diese sich ständig ändert und von anderen Akteuren betreut wird. Deshalb kann man sich nicht auf die Infrastruktur verlassen.

Die regionalen Unterschiede sind in der Tat enorm. Das gilt auch für die Elektrifizierung der Flotten. Wie steuert Nissan das? Denn Ihr Konzern ist grundsätzlich auf allen großen Weltmärkten vertreten.

Kienitz: Die Geschwindigkeit der Adaption hängt von den Kunden ab. Wir gehen aber tatsächlich auch in strategische Beratungen mit Regierungen aufgrund unserer Erfahrung und können ihnen so Lösungen und Potenziale aufzeigen. Wie die einzelnen Regierungen dann damit umgehen, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Wir können die Technik voranbringen und die daraus entstehenden Potenziale aufzeigen.

Wäre das auch ein neues Weltauto? Viele haben das mittlerweile beerdigt – wie sieht man das bei Nissan?

Kienitz: Tatsächlich unterscheiden sich die Weltmärkte teils sehr massiv, weshalb wir uns immer auf die Regionen fokussieren. Der Qashqai wurde zum Beispiel in England speziell für den europäischen Raum entwickelt und ist hier deshalb auch so erfolgreich. Aber wir prüfen natürlich immer, ob solche regionalen Produkte auch für andere Regionen passen. Ein Beispiel wäre hier der Magnite, den wir für Indien entwickelten. Wir prüfen dann immer, wo es dafür noch Resonanz gibt, und stellten zum Beispiel fest, dass der Magnite auch in Mittel- und Südamerika gut funktionieren könnte. Gleiches gilt für den neuen Patrol, der vor allem im Nahen Osten viele Fans hat, aber auch in den USA funktioniert. Außerdem kann man die gleiche Plattform auf verschiedene Bedürfnisse adaptieren. Aber um konkret auf Ihre Frage nach dem Weltauto zurückzukommen: Ich glaube, dass die Kundenbedürfnisse für ein einziges Weltauto einfach zu unterschiedlich sind.

 

Nissan hat das hohe Ziel, bis 2050 CO2-neutral zu sein. Steht das noch?

Kienitz (lächelt): Oh ja! Das Ziel ist da, aber der Weg muss Schritt für Schritt gegangen werden. Dabei ist nicht jeder Schritt für den Kunden ersichtlich. Nehmen Sie zum Beispiel recycelten Kunststoff: Da ist unsere Nachfrage höher als die Verfügbarkeit. Auch bei den Akkus müssen wir noch viel stärker in eine Kreislaufwirtschaft ohne die Verwendung von seltenen Erden kommen. Aber bisher gibt es viel zu wenige Rückläufer!

Dazu gehört auch der Feststoffakku, den Nissan bis 2030 serienreif haben möchte. Wie sieht da die weitere Vorgehensweise aus, und warum traut sich immer noch kein Fahrzeughersteller an die Zellproduktion? Denn wenn der Akku das teuerste Bauteil im Pkw ist und hier den Verbrennungsmotor ersetzt, warum überlässt man dann dieses Feld den Akkuherstellern?

Kienitz: Bei Nissan entwickeln wir die Feststoffakkus tatsächlich komplett in-House ohne Partner – und werden diese auch selber produzieren. Wir haben bereits 2022 eine Produktionsstätte für Prototypen in Japan errichtet und im vergangenen Jahr dort den Pilotbetrieb der Feststoffzellenproduktion gestartet. 2026 sind die ersten Tests mit diesen Prototypen auf der Straße geplant und in 2028 sollen die ersten Nissan EVs mit unseren Festtoffbatterien auf den Markt kommen. Die neuen Batterien werden eine doppelt so hohe Energiedichte wie die heutigen Batterien haben und drei Mal so schnell laden. Das alles bei reduzierten Kosten.
Fakt ist: Der Feststoffakku ist auf viele kritische Rohmaterialien gar nicht angewiesen. Um nochmal auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen und hier den Kreis vielleicht zu schließen: Auch beim allerersten Leaf hatten wir schon einen Anteil an seltenen Erden von unter einem Prozent. Im Idealfall muss ich die also erst gar nicht nutzen. Je weniger ich perspektivisch auf neue Rohmaterialien angewiesen bin, desto besser ist es – daran arbeiten wir weiter, mit mehr Nachdruck denn je!

Das Interview führte Gregor Soller