LKW

Flexis: E-Vans für grüne City-Logistik

Es wird immer klarer, was das Joint-Venture von Renault, Volvo Group und Logistiker CGA CGM will: Dedizierte E-Liefervans für City-Logistik, die Lkw-Service ins Van-Business bringen. Das soll sich schnell rechnen.

Die modulare E-Plattform ist für diverse Gefäßgrößen gut und wird auf einem 800-Voltsystem von Valeo beflügelt. | Foto: J. Reichel
Die modulare E-Plattform ist für diverse Gefäßgrößen gut und wird auf einem 800-Voltsystem von Valeo beflügelt. | Foto: J. Reichel

Noch eine neue Marke, die im Transportergeschäft ein „El Dorado“ erhofft und in den sicher nicht unterfrequentierten Markt drängt? Wer sich diese Frage gestellt hat, die zumal in Anbetracht ambitionierter neuer Player aus Fernost wie Maxus oder BYD aus China oder Kia aus Korea umso berechtigter erscheint, dem will Flexis mit dem ersten größeren „Aufschlag“ die Zweifel nehmen. Bis zu 40 Prozent Wachstum prognostiziert die neue Marke für den Markt der Liefervans im E-Commerce-Boom bis 2030. Nicht weniger als die Fusion aus Lkw-Service und –Telematik (Volvo/Renault Trucks) und erprobter Vantechnologie (Renault) speziell für die Stadt führt das neue Gemeinschaftsunternehmen im Schilde, ergänzt um das Know-How des in Frankreich sehr bekannten Großlogistikers CGA CGM.

Dessen Expertise konnte man schon mal gut gebrauchen, bei der Simulation der neuen Elektro-Vans mit Echtzeitdaten aus dem alltäglichen Liefergeschäft. Volvo Group wiederum steuert seine Kompetenzen in Sachen Telematikanbindung und Service von der offenen OBD-Schnittstelle bis hin zur vielzitierten „vorbeugenden Wartung“ oder Antizipation von Schäden bei, sodass die Vans sich problemlos in vorhandene, auch markenfremde Flotten integrierbar sein sollen, so das Versprechen.

„Unsere Mission bei Flexis ist es, die Elektrifizierung der urbanen Logistikindustrie zu unterstützen und zu beschleunigen, die danach strebt, nachhaltiger zu arbeiten, die Rentabilität zu verbessern und die Betriebssicherheit und den Schutz der Fahrerinnen und Fahrer in einem wachsenden Sektor zu verbessern“, erklärt Philippe Divry, CEO von Flexis.

Transporterexpertise von Renault

Von Renault wiederum stammt die eigentliche Transporterhardware und ein Großteil der Entwickler kommen tatsächlich von Renault und Renault Trucks. Außerdem ist viel die Rede vom „Software Defined Vehicle“, das Konzept einer Elektronikarchitektur, das Renault aktuell bei den Pkw propagiert und über die Tochtermarke Ampere forciert. Wobei man dieses Zauberwort aber auch von Kia im Kontext seiner sogenannten PBVs (Purpose Build Vehicles) ohne Unterlass vernimmt. Bei den Vans soll das dafür sorgen, dass eine dem Versprechen nach langlebige und haltbare Plattform via Updates over the Air noch lange Jahre technisch „up to date“ bleibt, auch ein Beitrag zur Nachhaltigkeit. Auch der Akku soll übrigens nach vielen Jahren mal tauschbar sein, das Fahrzeug „refurbishment“-fähig.

Alles aus einer Hand - jetzt aber wirklich

Alles aus einer Hand soll der Kunde bei Flexis bekommen, vom Fahrzeug über Telematik bis hin zur Ladeinfrastruktur, Unterstützung der Dispo beim Lademanagement und festen „Pay per use“-Tarifen, sodass er sich nur auf sein Geschäft konzentrieren kann. Auch Routen- und Laderaumoptimierung oder Fahrerschulung soll zum softwaregestützten Portfolio der neuen Marke zählen. Und natürlich ein zentrales Servicecenter in Lyon, das mit Echtzeitüberwachung von Flotten, Diagnosen, Empfehlungen und personalisierten Leistungsberichten aufwarten soll, ähnlich, wie Ford das mit seinem Liive-Servicse realisiert.

Komplettes Trucknetzwerk über die Partner

Hier sieht man trotz aller Bemühungen noch immer Nachholbedarf, so die Verantwortlichen. Und last but not least natürlich mit dem passenden „Truck-like“ Service, der von Tag 1 über das komplette Netzwerk der Volvo Group, spricht Volvo und Renault Trucks sowie Renault Vans zur Verfügung stehen soll, über die auch der Vertrieb erfolgt, zusätzlich zum Direktvertrieb über die neue Marke. Hier sieht man auch den größten Vorteil gegenüber neuen Playern wie Maxus oder Kia, die erst ein spezialisiertes Nfz-Netzwerk aufbauen müssen.

Auf der IAA noch etwas schleierhaft

Was auf der IAA Transportation jedenfalls noch etwas nebulös und plötzlich daherkam und zudem noch von Renault selbst mit der „Nebelkerze“ des eigenen Showvans „Estafette Concept“ camoufliert wurde, nimmt jetzt eigenständige Konturen an, wie ein erster Termin in der Zentrale von Flexis südlich von Paris ergab. Der auf der IAA gezeigte Zustellvan ist deutlich eigenständiger geworden und noch mal in die Höhe gewachsen, wenngleich noch ein Mock-up, sprich Modell.

Das Design soll aber weitgehend der Serie entsprechen, die man bis Mitte 2026 vorantreiben will, inklusive Integration in die bestehende Fertigung in Sandouville. 15.000 Exemplare in drei Jahren sollen hier entstehen, für die man schon Absichtserklärungen zum Kauf "Letters of intent" hat, etwa von Colis Privé, DB Schenker oder dem UK-Start-up für effizientere Lieferlogistik Hived. Überhaupt ist man bei Flexis stolz auf diese "Customer Co-Creation", ein Wort, das man allerdings auch schön öfter gehört hat, zuletzt bei Renault und zuerst bei Mercedes.

Zustellvan mit besserer Raumeffizienz

Und es gibt jetzt auch schon ein begehbares Laderaumkonzept von dem Zustellvan, der auf europäische und nicht amerikanische Verhältnisse zugeschnitten sein soll, sprich kompakter und wendiger (10,3 Meter Wendekreis), dennoch voluminös genug für 150 Pakete, eine „maximale Dosis“ für einen Arbeitstag, wie ein Verantwortlicher meint. Auch die Nutzlast von einer Tonne erscheint praxisnah. Innen gibt es also einen nahtlosen Durchgang in den durchgehend 1,90 Meter hohen Frachtraum, eine breite Schiebetür in die Kabine mit breitem Trittbrett davor, ein Heckrollo und einen magischen Knopf.

Der sorgt beim Halten für die Bündelung aller notwendigen Maßnahmen, wie Handbremse, Warnblinker etc., sodass sich der Fahrer nur noch aus dem offenbar wie das ganze Interieur nebst Infotainment, Instrumenten und wertiger dunkelgrauer Stoffe und Materialien aus dem neuen Renault Master entlehnten Sitz drehen muss. Der Arbeitsplatz ist übrigens auf ergonomischer Höhe und für 250 Auf- und Abbewegungen konzipiert. Ein klappbarer Notsitz auf der Beifahrerseite darf ebenso wenig fehlen. Die Armaturen bieten ansonsten wie vom Renault Master gewohnt viele praktische Ablagen und saubere Optik. Zudem gefällt der Van mit guter Übersicht, auch dank schlanker A-Säule und Dreiecksfenstern.

Der Trafic-Nachfolger läuft sich schon mal warm

Dem Zustellfahrzeug zur Seite steht aber auf der gleichen modularen und angenehm tiefen E-Plattform jetzt überraschenderweise ein kompakter Kastenwagen im (nicht ganz überraschend) Format des Renault Trafic mit 1,90 Meter Höhe, der diesen wohl auch beerben wird und für die dann irgendwo doch nötigen Stückzahlen sorgen soll. Das Design ist modern und gefällig, Ladevolumen (ca. 6 m³) und Nutzlast (bis 1,2 Tonnen) sollen auf hohem Niveau liegen.

Die Verwendung eines „Skateboards“, sprich einer elektrischen und somit ultraschnellladefähigen 800-Volt-Plattform (80 Prozent in 20 Minuten) mit Synchron-Heckantrieb (von Valeo) und zwei verschieden dimensionierten und chemistrierten Akkus, ermöglicht dann leicht auch den dritten im Bunde: Ein Fahrgestell mit Lieferkoffer, das bis zu 1,5 Tonnen Tragfähigkeit bieten soll. Diverse Kühlaufbauten soll es auch geben. Denn: Zielgruppe sind alle Arten von Transporteuren und Logistikern, die primär mit dem Transport ihr Geld verdienen und die Vans permanent einsetzen, und das wohlgemerkt in der Stadt. Auf das Handwerk peilt der neue Hersteller dagegen nicht, das überlässt man dann den etablierten Kollegen von Renault.

Keine Kompromisse - Fokus auf Transport

Clou soll sein, dass man dieser Zielgruppe dann eben maßgeschneiderte Transportmittel anbieten kann, ohne Kompromisse der „Allzweckwaffe“ eines konventionellen Transporters, der ja bisher auch noch zwei Antriebe, Verbrenner und Elektro, darstellen musste, im Falle des Renault Master sogar noch einen Brennstoffzellenantrieb. Damit tut sich Flexis nicht ab, sondern konzentriert sich. Die Reichweiten der Kastenwagen sollen zwischen 320 (Delivery Van) und 460 Kilometer (Panel Van) im Citybetrieb liegen. Und trotz des reinen Stadtfokus sollen die Transporter nach allen Regeln der Aerodynamik gestaltet werden. Schließlich wirke sich das auch schon bei niedrigem Tempo aus.

Ein E-Van, der sich schnell rechnet

Noch mehr auf die Effizienz soll der sparsame E-Antrieb beitragen, der die Basis bildet für das Kernversprechen niedriger Betriebskosten unter denen eines konventionellen Diesel-Transporters. Auch beim Preis will man auf Augenhöhe operieren – ein BEV-Van zum Preis eines BEV-Pkw, bei dreifacher Fahrleistung - und so die Kunden ökonomisch überzeugen mit satten 20 bis 30 Prozent niedrigeren Total Cost of Ownership, die Ökologie ist für die Flexis-Macher um Ex-Volvo-Group-Manager Divry und COO Krishnan Sundararajan (früher Renault Trucks) quasi nur ein Nebeneffekt. Freilich, betont der Flexis-Chef, die immer strengeren Umwelt- und Klimaschutzauflagen würden die Unternehmen auch dazu zwingen, zu dekarbonisieren – und da will man zur Stelle sein.

Flexis sieht sich am "sweet spot" der Elektrifizierung

Zu einem Zeitpunkt, an dem nach dem Dafürhalten von Divry die Marktkurve nach den „First Movern“ und „Early Adoptern“ mit noch kompromissbehafteten Produkten steil ansteigen wird. Wozu natürlich auch Flexis selbst mit seinen Produkten beitragen will. Die sollen den „sweet spot“ der Elektrifizierung treffen und die Kunden endlich wirklich packen, die bisher diverse Nachteile gegenüber dem gewohnten Verbrenner-Package zu gewärtigen hatten. Feststeht für die Flexis-Macher, dass 2035 die Welt des Transports elektrisch unterwegs sein wird. Und bis spätestens dahin soll sich auch das 1-Milliarde-Investment für die beteiligten Partner gerechnet haben.