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Die Chancen von Quantencomputing - wie die Elektromobilität davon profitiert

Quantencomputer können sowohl die Entwicklung leistungsfähigerer Batterien und effizienterer Ladesysteme beschleunigen, als auch auch völlig neue Mobilitätskonzepte ermöglichen. Ein Gastbeitrag von Dr. Erik Garcell, Director of Quantum Enterprise Development.

Symbolbild Quanten. | Foto: Pixabay
Symbolbild Quanten. | Foto: Pixabay

Die Elektromobilität ist ein zentraler Baustein der Verkehrswende und essenziell für die Reduktion von CO2-Emissionen. Doch es bestehen weiterhin große Herausforderungen, die es zu überwinden gilt.  Reichweitenangst, Intransparenz bei Ladepreisen und Bedenken über die Batterieeffizienz sorgen für Unsicherheit bei Verbrauchern und Unternehmen. Trotz massiver Investitionen der Automobilindustrie sowie anfänglicher politischer Initiativen zur Förderung nachhaltiger Mobilität nimmt die Akzeptanz von E-Fahrzeugen nur schleppend Fahrt auf. 

Eine Technologie könnte jedoch für einen entscheidenden Durchbruch sorgen: Quantencomputing. Während klassische Computer zunehmend an ihre Grenzen stoßen, eröffnet die Quantenmechanik revolutionäre Möglichkeiten zur Lösung hochkomplexer Probleme. Mit ihrer beispiellosen Rechenleistung, zuletzt eindrucksvoll demonstriert durch Google‘s „Willow“, könnten Quantencomputer nicht nur die Entwicklung leistungsfähigerer Batterien und effizienterer Ladesysteme beschleunigen, sondern auch völlig neue Mobilitätskonzepte ermöglichen.

Theorie und Praxis: Wie Quantencomputing die Industrie verändert

Quantencomputing basiert auf Quantenmechanik und unterscheidet sich grundlegend von klassischer Rechenleistung. Während herkömmliche Computer Bits (0 oder 1) nutzen, arbeiten Quantencomputer mit Qubits, die dank Superposition mehrere Zustände gleichzeitig annehmen. Dadurch lassen sich komplexe Probleme parallel berechnen, was eine exponentielle Beschleunigung ermöglicht. Ein weiteres Schlüsselmerkmal ist die Verschränkung, die den Zustand von Qubits unabhängig von der Distanz beeinflusst und die Analyse großer Datenmengen erleichtert. Ein Beispiel ist das Zahlenschloss-Problem: Während klassische Computer Kombinationen nacheinander testen, analysiert ein Quantencomputer alle gleichzeitig. Besonders in der Automobilbranche bietet Quantencomputing Vorteile, etwa in der Materialforschung, Batterietechnologie und Verkehrsflussoptimierung.

In der aktuellen Forschung zu Quantenhardware gibt es mehrere vielversprechende Ansätze. Zuletzt erregte Microsoft mit seinen topologischen Qubits Aufmerksamkeit, doch auch andere Technologien, wie Quantencomputer auf Basis von Neutralatomen, gelten als vielversprechend. Neben der Hardware spielt jedoch auch Quantensoftware eine entscheidende Rolle. Spezialisierte Algorithmen, wie der Quanten-Variations-Eigenlöser (VQE) oder der Quanten-Approximate-Optimization-Algorithmus (QAOA), werden bereits zur Optimierung industrieller Prozesse eingesetzt. Bereits verfügbare Software-Frameworks ermöglichen Entwicklern den Zugang zu Quantencomputern und erleichtern die Programmierung spezifischer Anwendungsfälle.

Während die vollständige Quantenüberlegenheit noch Zukunftsmusik ist, nimmt die Bedeutung von Quantum Utility stetig zu. Erfolgreiche Pilotprojekte, etwa von BMW, Nvidia und Classiq zur Optimierung elektrischer und mechanischer Systeme, zeigen, dass Quantencomputing bereits heute greifbare Vorteile bietet. Immer mehr Unternehmen und Forschungseinrichtungen erkennen das Potenzial dieser Technologie und arbeiten daran, sie in praxisnahe Anwendungen zu integrieren. Die weltweite Relevanz dieses Fortschritts wird durch die UN-Initiative zum „International Year of Quantum Science and Technology“ 2025 unterstrichen. Sie erleichtert nicht nur großen Konzernen, sondern auch kleineren Unternehmen, akademischen Einrichtungen und Forschungslaboren den Zugang zu dieser Zukunftstechnologie und fördert so ihren Weg aus der Nische in breite industrielle und wissenschaftliche Anwendungen.

Der Katalysator für die Elektromobilität

Doch welches Potenzial weist Quantum genau für die Automobilbranche auf? Eine der größten Herausforderungen der Elektromobilität liegt in der Batterietechnologie. Derzeitige Akkus sind schwer, teuer und bieten eine begrenzte Energiedichte. Zudem sind die Ladezeiten oft noch zu lang, um eine breite Akzeptanz der Elektromobilität zu fördern. Hier kann die Quanteninformatik einen entscheidenden Mehrwert liefern. Quantenrechner können es ermöglichen, Batteriematerialien auf molekularer Ebene zu simulieren und neue, effizientere Zusammensetzungen zu erforschen. Wo klassische Computer längst an ihre Grenzen stoßen, können Rechner auf Basis der Quantenphysik chemische Wechselwirkungen modellieren und so leistungsstärkere, langlebigere Akkus entwickeln. Obwohl die Quantenrechnerei noch eine aufstrebende Technologie ist und weitere Anstrengungen erforderlich sind, um die entwickelten Lösungen industriell nutzbar zu machen, setzen führende Automobilhersteller wie BMW bereits heute auf quantenbasierte Berechnungen, um die optimale Architektur von elektrischen und mechanischen Systemen zu bestimmen und so die Lebensdauer von Batterien zu verbessern.

Die Ladeinfrastruktur ist ein weiterer kritischer Faktor für die Akzeptanz der Elektromobilität. Um eine lückenlose und effiziente Energieversorgung zu gewährleisten, müssen zahlreiche Parameter optimiert werden: Die Platzierung von Ladestationen, die Steuerung der Netzlast sowie die Vorhersage von Ladebedarfen. Hier können Quantenalgorithmen helfen, indem sie Millionen von Datenpunkten gleichzeitig analysieren und so eine optimale Netzsteuerung ermöglichen. Ein weiteres Ziel ist das ultraschnelle Laden. Unternehmen wie Nybolt arbeiten bereits an Schnellladebatterien, die in kürzester Zeit von 10 Prozent auf 80 Prozent geladen werden können. Um diesen Prozess weiter zu verbessern, könnten Quantencomputer helfen, Batteriedesigns, Ladekabel und Ladestationen aufeinander abzustimmen und so die Effizienz weiter zu steigern.

Wo fängt man an? Hybride Quantenstrategien als Einstieg

Obwohl die vollständige Marktreife von Quantencomputing erst in der Zukunft erreicht wird, ist es bereits heute essenziell, die Potenziale dieser Technologie zu verstehen. Unternehmen, die relevante Anwendungsszenarien identifiziert haben, müssen nicht auf die perfekte Quantenhardware warten. Stattdessen sollten sie vereinfachte Programmversionen für konkrete Anwendungsfälle entwickeln und dabei moderne Quantentechnologie mit klassischen Systemen kombinieren. Dieser hybride Ansatz ermöglicht im besten Fall einen Proof-of-Concept und kann so messbare Erfolge liefern.

Auch die Sorge vor einem hohen Programmieraufwand ist unbegründet. Höhere Quantum-Programmiersprachen sind mittlerweile weniger abstrakt und komplex, was das Erlernen erleichtert. Zudem gibt es Plattformen mit grafischen Benutzeroberflächen, die quantenbasierte Anwendungen visuell darstellen. Diese helfen Entwicklerteams, ihre Lösungen für andere Abteilungen verständlich zu machen. Besonders empfehlenswert sind cloudbasierte und hardwareunabhängige Plattformen. Da derzeit unklar ist, welche Hardware sich langfristig im Quantencomputing durchsetzen wird, bietet die hier gegebene Flexibilität einen entscheidenden Vorteil. Sie minimiert potenzielle Umstellungskosten enorm – insbesondere bei On-Premise-Installationen.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst 

Der Zeitpunkt, an dem Quantentechnologie marktreif wird, sowie die dominierende Hardware sind noch ungewiss. Dennoch investieren nahezu alle großen Automobilhersteller intensiv in Forschung und Entwicklung, um den Anschluss nicht zu verlieren. Unternehmen wie BMW oder die Volkswagen Group erproben bereits konkrete Anwendungsszenarien, um das Potenzial der Technologie bestmöglich zu nutzen. Da Quantencomputing völlig neue Ansätze in der Fahrzeugentwicklung eröffnet, ist es entscheidend, frühzeitig Patente für innovative Anwendungen zu sichern und so langfristige Wettbewerbsvorteile zu schaffen.

Quantencomputing ist kein ferner Zukunftstraum, sondern bereits heute eine treibende Kraft für die Automobilindustrie. Unternehmen, die jetzt investieren, sichern sich langfristige Vorteile und treiben die Transformation der Mobilität voran. Mit effizienteren, leistungsstärkeren und nachhaltigeren Lösungen wird Quantencomputing eine entscheidende Rolle in der Elektromobilität spielen.

Autor: Die Chancen von Quantencomputing ordnete für uns Dr. Erik Garcell ein.