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11. Smart City Logistik Kongress: Runter vom Leuchtturm, raus in die Praxis!

Keine weiteren Pilotprojekte, sondern Umsetzung in der Praxis: In Anbetracht der Klimakrise sind Cities die "Kinderstuben der Elektro-Logistik". Und der E-Antrieb aktuell die beste, für Logistiker Zufall "enkeltaugliche" Lösung. Aber auch KI und Digitalisierung sind Faktoren. Clevere Ideen für nachhaltigen Transport, versammelt in Jena. 

Innovationen vor historischer Kulisse: Im Volkshaus Jena versammelten sich Praktiker aus Firmen und Kommunen, um über bessere und nachhaltigere Logistik zu diskutieren. | Foto: DAKO
Innovationen vor historischer Kulisse: Im Volkshaus Jena versammelten sich Praktiker aus Firmen und Kommunen, um über bessere und nachhaltigere Logistik zu diskutieren. | Foto: DAKO

"Weg von der Angst, hin zur Perspektive", dafür warb der Jenaer Dezernent für Stadtentwicklung und Umwelt Dirk Lange auf dem 11. Smart City Kongress in Jena. Ebenso wie der Staatssekretär Mario Suckert aus dem Thüringer Wirtschaftsministerium, der die "Krise als Chance", sieht, "Altes zu überdenken und Neues auszuprobieren", betonte Lange die Chancen des Wandels. Es sei klar, dass zukunftsfähige Entwicklung davon abhänge, „die Menschen im Transformationsprozess kleinteilig mitzunehmen“. Das sei im Übrigen kein ideologiegetriebenes Unterfangen, betonte Suckert, sondern eine technologieoffene Suche nach den besten Lösungen für nachhaltigere Logistik, bei denen aktuell aber klar die batterieelektrische Mobilität die Nase vorn habe.

Die Städte und Kommunen wiederum könnten hier als "Kinderstube der E-Logistik" und als Labore fungieren. Auch in Jena arbeitet man laut Dezernen Lange etwa mit KI-gestützten Ampeln oder einem City-Logistik-Konzept mit Mikrodepots. Wobei man künftig eben auch Schwerpunkte für nachhaltige Logistik am Land setzen wolle mit speziellen Programmen, wie Suckert ankündigt. Es brauche allerdings keine weiteren "Leuchtturmprojekte", sondern "best practice", denn die Technologien seien vorhanden, so der Staatssekretär. Man wolle die Kommunen dabei unterstützen. 

Diesen stünden schon heute Spielräume für die Verkehrswende und bessere Stadtlogistik zur Verfügung, die sie nutzen könnten, wie Carina Heinz vom Deutschen Institut für Urbanistik darlegte. Etwa durch die neuen Möglichkeiten der reformierten Straßenverkehrsordnung, Stichwort Lieferzonen. Damit könne man das große Problem der Zweite-Reihe-Parker, neben KEP-Fahrzeugen vor allem auch Handwerker, angehen und damit den Verkehrsfluss und die Sicherheit verbessern.

Kommunen haben Spielräume

Kommunen wie München würden das "mutig" auslegen und den rechtlichen Rahmen ausreizen. In Bonn operiere man mit sogenannten "Wirtschaftsparkzonen", in Konstanz erprobe man anbieterneutrale Paketstationen auf städtischen Flächen. Es brauche auch Instrumente wie Zero Emission Zones oder eine City Maut, um nachhaltigeren Verkehr zu bekommen. Logistiker sollten unbedingt die Kanäle und Gesprächsmöglichkeiten zu Kommunen nutzen, diese bräuchten wiederum die Impulse aus der Praxis. Es gelte hier, aus den Projekten in dauerhafte Strukturen zu kommen. 

Damit sich die bisher oft doppelt so teuren E-Nutzfahrzeuge für die Unternehmer rechneten, müsse eben der politische Rahmen richtig gesetzt werden, so Suckert weiter. Den bisher fast verschwindenden Anteil von 0,5 Prozent E-Nutzfahrzeuge in Thüringen interpretierte der Politiker eher als "gewaltiges Potenzial". Es gelte nun, die Vorteile der neuen Technologie darzulegen, dann würden die Unternehmer schon umsteigen, zeigte sich Suckert überzeugt.  

Impulse für den Wandel geben

Für den klugen Wandel wollte der SCL einmal mehr Impulse setzen und Beispiele geben, wie es bereits heute funktioniert, mit nachhaltigerer Stadt- und genereller Logistik. Modernität müsse sich auch in einer umweltfreundlichen und sozial verträglichen Ausgestaltung gewerblicher Transporte widerspiegeln, so die Maxime der Macher um Harald Hempel, beim Veranstalter und Transportsoftwarespezialisten DAKO verantwortlich für Forschung, Nachhaltigkeit und Compliance. „Wir sind eine lockere Runde, die lösungsorientiert mit klarem Praxisblick arbeitet", skizzierte Hempel. 

Probefahrten zur Auflockerung

Staatssekretär Suckert hob die verschiedenen Perspektiven hervor, die der SCL Kongress biete. Hierfür seien sowohl eine technisch getriebene Entwicklung, als auch die Vernetzung der Beteiligten unabdingbar. Neben den Vertretern aus Landespolitik und Kommunen setzten sich die ca. 100 Kongressteilnehmenden aus Forschenden von Hochschulen und Wissenschaftsinstituten, Aktiven der Transportbranche sowie Fahrzeugherstellern und Zulieferern von Fahrzeugtechnik zusammen. Die inhaltlichen Impulse und Debatten im Vortragssaal wurden durch die Möglichkeit zu Probefahrten mit verschiedenen, alternativ angetriebenen Fahrzeugen auf den Straßen um das Kongressgelände herum ergänzt, etwa von Ari Motors, Piaggio und Volvo Trucks.

Kein Zufall: Wie ein Logistiker gezielt umsteuert

 Letzteren hatten die Vertreter von Zufall Logistik mit nach Jena gebracht - und führten ihn gerne vor. Wie auch ihren "Weg in die Elektromobilität - von A nach B mit E", wie Bärbel Krauß das Konzept bezeichnete. Die Leitidee sei es, als Familienbetrieb natürlich auch "enkeltaugliche" Logistik und das Spannungsverhältnis zwischen "people, planet, profit" so gut es geht aufzulösen. So wurde vor Jahren ein "Klimaaktionsplan" eingeführt und keine Entscheidung wird mehr getroffen, ohne die Auswirkungen auf Mensch und Natur mitzuberücksichtigen. Ein schmaler Grat, so Krauß, denn schließlich brauche es in der chronisch margenschwachen Branche finanzielle Stabilität, um die unabdingbare Transformation hin zur Elektro-Mobilität, aber auch elektrischen Energieversorgung zu stemmen.

Eigene Stromerzeugung obligatorisch

So investierte man etwa in die eigenen PV-Anlagen eine Million Euro, um sicherzustellen, dass die Standorte und vor allem die eigenen E-Trucks, mittlerweile 20 Prozent der Lkw-Flotte und 50 Prozent der Firmen-Pkw, auch mit nachhaltigem Strom betrieben werden. Trotz des aktuellen Rollback und der Debatte um "Verbrenner-Verlängerung" gehe man hier keinen Schritt zurück. Neue Dienstwagen würden generell durch reine E-Autos ersetzt. Eine eigene Ladeinfrastruktur wurde auch aufgebaut, an fünf Standorten gibt es 16 Ladepunkte, sodass externes Laden so gut wie gar nicht mehr vorkommt. 

Neues Produkt "Premium e" kostet nur etwas mehr

Dadurch können auch anspruchsvolle Nachtlinien innerhalb des Netzwerks nahezu ohne Abstriche im Zeitmanagement gehalten werden. Kurze Ladeimpulse vor Ort würden genügen, um ausreichend Reichweite zu erhalten. Perspektivisch denkt man auch über eine Erweiterung zum Energielieferanten nach, das sei aber ein komplett anderes Geschäftsfeld, an das man sich aber mutig herantaste. Auch Herausforderungen wie den nachhaltigen Transport zu den Paralympics für Otto Bock oder Pilotprojekte wie die elektrische Logistikkette für E-Scooter-Spezialist Niu hatte man gestemmt. 

Dabei entstanden ist das neue Produkt "Premium e", das für die Kunden nicht so viel teurer sei, wie man annehmen würde, wie Krauß warb. Perspektivisch rechnet man schon so, dass E-Mobilität sich auch ohne Maut-Privileg oder staatliche Förderung rechnen müsse. Man bezieht neben der reinen TCO auch die Umweltaspekte mit ein und die Regularien des kommenden ETS, Europäischen Zertifikatehandels für CO2. Und ob die Bemühungen auch fruchteten, überprüft man mit Hilfe der Software Shipzero, die präzise CO2-Bilanzierung ermöglicht. Klar sei allerdings, dass durch all die Nachhaltigkeitsmaßnahmen die "schwarze Null" später komme. Es gebe aber keine Alternative, so Krauß. 

Weinhut: Wie KI hilft, die Prozesse zu entschlacken

Wie KI bei einem mittelständischen Unternehmen helfen kann, die Abläufe effizienter zu gestalten und letztlich so letztlich auch die Kraft für die transformativen Investitionen zu haben, demonstrierte sehr anschaulich Andreas Weinhut von der gleichnamigen Firma, die mit 80 Fahrzeugen KEP-Logistik leistet, und mit 160 Mitarbeitern, davon 25 KI-Assistenten, wie Weinhut süffisant einleitet. Er fühle sich "regelmäßig überfordert" in Anbetracht von Problemen wie Fahrermangel, Bürokratie und schwachen Margen, gab der freilich digital sehr affine Firmenchef unumwunden zu. Und skizzierte, wie ihm generative KI dabei hilft, den Alltag zu entschlacken, gleich einem "Azubi, der ständig dazulernt", wie Weinhut schildert. 

Fahrervideos auf Rumänisch 

Die Spanne seiner Anwendungen reicht von der Erstellung eines One-Pagers für eine Abholtour, der im Fahrzeug verbleibt und so im Vertretungsfalle eines Fahrers als präzise "Tourenanleitung" fungiert. Eine Präsentation für einen Bewerbertag diktiert er mal in zehn Minuten im Auto, erstellt ein Breefing, schließlich eine voll ausgearbeitete Präsentation, in der er lediglich die Bilder einfügen muss. 30 Minuten statt drei Stunden, meint er. Oder Video-Botschaften an die Fahrer, die er schon früher aufnahm, allerdings nur auf Deutsch.

Jetzt gibt es die auch in Englisch, Rumänisch, Arabisch, Russisch, im Ton seiner Stimme, inklusive Lippensynchronisation. Als man das Geschäft in der Werkstatt auf externe Fahrzeuge ausdehnte, half ihm die KI bei der sonst äußerst aufwändigen Erstellung von Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Kniffelige datenschutzrechtliche Fragen zum Einbau einer Dual-Dashcam in den Fahrzeugen bekam er mithilfe eines "Promt Engineers" ebenfalls in den Griff. 

"Schneller, präziser, effizienter" seien die Abläufe geworden, er habe schlicht mehr Zeit, seitdem er seine KI-Assistenten "bespielt", wie er sagt. Wobei Weinhut wert darauf legt, dass er die KI eben "wertschöpfend" nutze, um Prozesse zu optimieren und nicht zum Vergnügen. "Jeder Prompt ist es wert", meint er, im Hinblick auf die energetischen Ressourcen von KI. 

Wenn Lkw selbst einen Werkstatttermin buchen

In ein ähnliches Horn aus anderer Perspektive stieß Jan Güttinger von Bosch, der skizzierte, wie sich bald Fahrzeuge selbst einen Werkstatttermin buchen, Stichwort "touchless maintanence". Auch Wolfgang Schmid von Webfleet respektive Bridgestone Mobility Solutions warb, dass Digitalisierung und KI im Flottenmanagment helfen kann, die Abläufe zu entschlacken. Aber eben nicht nur Software, sondern auch kluge Hardware kann helfen, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, wie Nathalie Radel ebenfalls von Bosch für ihr Retrofit Efficiency Module warb, das bis zu vier Prozent weniger Kraftstoffverbrauch ermöglichen soll.

Software meets Hardware: Flexis will Vans neu erfinden

Dass es beides braucht, clevere Software und effiziente Hardware "fusionierte" schließlich Enrico Kleinfeld vom Volvo Trucks-Renault-Spin-Off Flexis: Hier will man statt LCV (leichte Nutzfahrzeuge) künftig SDV (Software Defined Vehicles) anbieten, elektrische Vans, die sich für den Kunden von Anfang an rechnen, dank hoher Nutzlast, Reichweite, Schnellladetechnik und Effizienzkonzept. Ein solcher Neuansatz sei im engen Rahmen etablierter OEMs mit ihren eingeschliffenen Strukturen nicht möglich gewesen, meint Kleinfeld, der über langjährige Expertise bei Van-OEMs verfügt. An Produkten und Lösungen, das wurde in Jena einmal mehr klar, herrscht wahrlich kein Mangel. Nur stehen sich Politik und Gesellschaft aktuell noch selbst im Weg. Es gebe eine eklatante Kaufzurückhaltung und Elektro-Skepsis, bestätigte Thomas Kuwatsch von Ari Motors. Gut, dass eine "lockere, lösungsorientierte Runde" in Jena Auswege aufzeigt. Und statt Ängste zu schüren, die Chancen betont.