On-Demand-Verkehre: „Deutschland braucht das Deutschland-Angebot“
Auf dem 10. VDV-Symposium zur Multimodalität hat der Branchenverband seinen Leitfaden „Linien- und Bedarfsverkehre in der Region“ vorgestellt. Der VDV sieht in der PBefG-Novellierung 2021 einen entscheidenden Impuls für die Integration von On-Demand-Verkehren in den ÖPNV. Die Branche stehe allerdings vor wirtschaftlichen Herausforderungen: Ohne langfristige Finanzierung durch Bund und Länder könnten viele Angebote nicht in den Regelbetrieb übergehen. Die Integration in bestehende Tarife mit flexiblen Zuschlägen sei ein Fortschritt, bedürfe aber nachhaltiger finanzieller Absicherung. Die Projekte fänden überwiegend außerhalb urbaner Zentren statt. Fast alle Angebote nutzten Kleinbusse mit maximal neun Sitzplätzen. Nahezu alle Systeme setzten auf appbasierte Buchung. Tariflich seien viele Angebote bereits vollständig im ÖPNV integriert: 47 % verlangten zusätzliche Entgelte oder nutzten Sondertarife.
Der Leitfaden „Linien- und Bedarfsverkehre in der Region: Integriert, datenbasiert, effizient. Ein Leitfaden zur Planung, Konzeption und Umsetzung von On-Demand-Angeboten“ steht in unserem Anhang zum Download bereit.
VDV: Verlässliche Finanzierung notwendig
„Es ist Zeit. Wir brauchen eine verlässliche Finanzierung, bundesweite Qualitätsmaßstäbe und eine zeitgemäße Planung des Nahverkehrs – für eine funktionierende öffentliche Mobilität in Stadt und Land. Bus und Bahn in der Fläche brauchen ein Update, vom Flickenteppich zum integrierten Gesamtsystem“, so ÖPNV-Geschäftsführer Alexander Möller anlässlich der Veröffentlichung des Leitfadens.
Die PBefG-Novellierung 2021 bedeute einen Meilenstein – über 120 On-Demand-Projekte mit mehr als 1.000 (E‑)Fahrzeugen seien umgesetzt worden. On-Demand-Mobilität – als digitalbasierter, ÖPNV-integrierter Linienbedarfsverkehr – wachse weiter, vor allem außerhalb großer Städte. Die Angebote seien per App buchbar, jedes zweite Fahrzeug fahre elektrisch – und die allermeisten Projekte würden die Erwartungen übertreffen.
Doch die Entwicklung stagniere, so der Verband: Die Zahl neuer Projekte flache ab, viele bestehende Angebote ständen ohne gesicherte Finanzierung auf der Streichliste – obwohl Handlungsdruck durch die verschärften Treibhausgaspreise entstehen dürfte.
„Deshalb ist für uns zentral: On-Demand muss Teil der ÖPNV-Finanzierung insgesamt werden. Trotz knapper Kassen zeigen die Kommunen Verantwortung: Sie verstetigen ihre Angebote, entwickeln differenzierte Finanzierungsmodelle und setzen so auf Teilhabe, Inklusion und moderne Mobilität für alle. Wir wissen: Zwischen 15 und 20 % der On-Demand-Angebote mussten mangels Anschlussfinanzierung eingestellt werden. Zwei Drittel laufen bis 2026 aus – und bei drei Viertel ist die Finanzierung nicht über drei Jahre gesichert“, kritisiert Möller.
On-Demand: Sinnvoller Baustein der Mobilität, keine Lösung für alle
Ohne klare politische Unterstützung drohe der Rückbau statt Verstetigung. Neben der Finanzierung brauche es eine bundesweite Standardisierung: Der VDV fordert einen verbindlichen ÖPNV-Angebotsstandard etwa auf Basis des Forschungsprogramms Stadtverkehr (FoPS) des Bundesverkehrsministeriums.
„Deutschland braucht ein Deutschland-Angebot mit Anwendungsvorgaben und Mitfinanzierung durch den Bund, Anreizmodellen der Länder und Verlässlichkeit für die Aufgabenträger“, so Möller. „On-Demand kann kein Einzelprodukt mehr als Zusatzangebot sein – es muss als Baustein eines integriert geplanten Gesamtsystems verstanden werden. Nur so erreichen wir eine moderne, flächendeckende Mobilität mit Bus und Bahn“, ergänzt Möller.
Auch die Finanzierung müsse laut VDV strukturell neu gedacht werden. Die Mehrzahl der On-Demand-Angebote weise aufgrund der Bedienung zu Zeiten und in Räumen geringer Nachfrage eine geringe Kostendeckung auf. Ohne eine gesicherte langfristige Förderung bleibe ihr Bestand gefährdet.
„On-Demand ist die Brückentechnologie zum Autonomen Fahren, ein Baustein für den Modernisierungspakt“, betont Alexander Möller.
On-Demand ergänzen, ohne Parallelstruktur zu sein
„Wir brauchen eine Finanzierung, die das ermöglicht: Mit langfristigen Budgets und klarer Aufgabenverteilung. Denn nur so kann ein dauerhaft tragfähiges und modernes Nahverkehrsangebot entstehen – hierachisch aufgebaut von den Hauptachsen des Bahn- und Busangebotes bis zur Haustür.“ (Möller)
Bedarfsverkehre dürften keine Parallelstruktur zum Linienverkehr bilden, sondern müssten als strategisch integrierter Baustein im Gesamtangebot wirken – und nicht als befristetes Zusatzangebot. Vor allem ergänzten oder ersetzten sie bestehende Verkehre.
Der Leitfaden empfiehlt ein vertaktetes Grundangebot auf den Hauptachsen und eine gezielte Ergänzung durch Bedarfsverkehre – als Zubringer, in Randzeiten oder in räumlich dispersen Strukturen. On-Demand-Systeme seien dem klassischen Taxiverkehr funktional überlegen: Sie reduzierten Leerkilometer, bündelten Fahrten und könnten planungsseitig in Echtzeit optimiert werden. Die Zeit der Pilotprojekte sei vorbei – jetzt brauche es Struktur, so der Verband.