Logistik unter Druck: Verband fordert Wirtschaftswende und Bürokratieabbau
Der Verband Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL) hat auf seiner Mitgliederversammlung am 18. Juli 2025 in Esslingen zentrale Themen der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik aufgegriffen. In einer Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheit betonte die Lobbyorganisation die Bedeutung der Logistikbranche für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands sowie die Resilienz globaler Lieferketten.
Die Veranstaltung sei mit rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut besucht gewesen, berichtet der Verband. Neben branchenspezifischen Inhalten standen auch Reden von CDU-Fraktionschef Manuel Hagel und ARD-Börsenjournalist Markus Gürne auf dem Programm.
VSL-Präsident fordert Beitrag der Logistik zur Sicherheitsarchitektur
VSL-Präsident Dr. Micha Lege, der in seinem Amt einstimmig für weitere drei Jahre bestätigt wurde, rief die Branche dazu auf, sich ihrer Verantwortung für Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft bewusst zu sein.
„Wenn wir es ernst meinen mit der Freiheit, mit Demokratie und Marktwirtschaft, dann müssen wir es ernst meinen mit der Verteidigungsfähigkeit“, erklärte Lege.
Aus seiner Sicht sollten Logistikunternehmen die Bundeswehr in diesem Zusammenhang aktiv unterstützen. Er warnte zugleich vor den Folgen der globalen politischen Entwicklungen für Logistik, Lieferketten und Handel.
Hagel kritisiert Standortnachteile im internationalen Vergleich
In seiner Keynote bezeichnete CDU-Fraktionschef Manuel Hagel drei bislang geltende wirtschaftspolitische Grundannahmen als überholt: billige Energie aus Russland, sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA und günstige Vorprodukte aus China.
Die daraus resultierenden Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland müssten nun aktiv angegangen werden. Hagel forderte neue Handelsabkommen sowie Maßnahmen zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Ein Vergleich internationaler Arbeitszeiten diente ihm dabei als Warnsignal: Während in China rund 2.200 Arbeitsstunden pro Kopf und Jahr geleistet würden, liege der Wert in Deutschland nur bei 1.340 Stunden.
Wobei der Vergleich der Arbeitsstunden zu kurz greift, denn nicht die Menge der geleisteten Arbeit, sondern deren Produktivität, Effizienz und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts. Und zählt liegt Deutschland laut aktuellen OEDC-Daten seit Jahren zu den Ländern mit der höchsten Arbeitsproduktivität je Stunden und damit deutlich über dem EU-Durchschnitt.
Für die Logistikbranche konkretisierte Hagel politische Vorhaben: So schloss er eine Mautausweitung auf Landes- und Kommunalstraßen aus und sprach sich für Technologieoffenheit beim Klimaschutz aus. Zudem hob er hervor, dass sich die Bundesregierung zu einer Rückkehr zum Finanzierungskreislauf „Straße finanziert Straße“ entschieden habe.
Gürne betont Bedeutung des Sondervermögens für Verteidigung
Markus Gürne, Leiter der ARD-Börsenredaktion, forderte in seiner Rede ein klares Bewusstsein für die Auswirkungen geopolitischer Veränderungen auf das exportbasierte Geschäftsmodell Deutschlands. Das von der Bundesregierung aufgelegte Sondervermögen zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit halte er in dieser Phase für gerechtfertigt.
Es sei notwendig, um eine moderne Infrastruktur und eine funktionierende Sicherheitsarchitektur aufzubauen. Dabei sei es wichtig, die Bevölkerung durch transparente Kommunikation mitzunehmen: „Wir können den Leuten in Deutschland viel zumuten, aber sie müssen es verstehen“, so Gürne.
Wirtschaftswende aus Sicht des Verbands dringend notwendig
Dr. Micha Lege forderte In seiner Rede eine grundlegende wirtschaftspolitische Neuausrichtung. Sondervermögen dürften nicht zur Finanzierung sozialstaatlicher Leistungen verwendet werden, sondern müssten gezielt in Zukunftsprojekte und Wachstum fließen. Als konkrete Forderungen nannte er eine Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, insbesondere beim Infrastrukturausbau, sowie den Rückbau von Berichtspflichten wie etwa durch die CSRD-Regelungen.
Diese verpflichten Unternehmen, detailliert und standardisiert über ihre Nachhaltigkeitsleistungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung zu berichten. Betroffen sind davon künftig auch viele Transport- und Logistikdienstleister – oder sie sind durch Anforderungen ihrer Kunden mittelbar betroffen. Die Umsetzung verursacht erheblichen bürokratischen Aufwand, insbesondere für kleinere Unternehmen, die solche Berichte bislang nicht erstellen mussten. Kritisiert wird oft der fehlende Praxisbezug der Vorgaben und der hohe Dokumentationsaufwand.
Dringenden Handlungsbedarf sieht der VSL auch in der Steuer- und Abgabenpolitik. Lege forderte eine Senkung von Steuern, Energiekosten und Sozialabgaben, um Unternehmen finanziell zu entlasten. Besonders hob er hervor, dass die Logistikbranche im Zuge der Elektrifizierung ihrer Flotten künftig zu den größten Stromverbrauchern im Land zählen werde. Die geplante Senkung der Stromsteuer müsse daher auch Logistikunternehmen einbeziehen.
Kritik an EU-Vorgaben zur Antriebswende
Ein weiterer Schwerpunkt der Mitgliederversammlung war die europäische Gesetzgebung zur Dekarbonisierung von Unternehmensflotten. VSL und DSLV sehen die sogenannte „Clean Corporate Fleet“-Initiative der EU kritisch, die verbindliche Quoten für emissionsfreie Fahrzeuge (ZEV) sowohl bei der Beschaffung als auch bei der Transportvergabe vorsieht. Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des DSLV, erklärte, dass damit auch Spediteure in die Verantwortung genommen würden, selbst wenn sie lediglich als Auftraggeber auftreten.
„Diese Überlegungen gehen in die falsche Richtung“, sagte Huster.
Auch Lege wandte sich gegen gesetzlich verordnete Quoten. Er betonte, dass der Umstieg auf neue Antriebe nur gelinge, wenn zugleich die notwendige Infrastruktur vorhanden sei:
„Wir stehen zur Antriebswende. Doch Unternehmen können doch erst dann umsteigen, wenn es funktioniert. Wir brauchen Infrastruktur und keine Quoten“, so Lege.
Finanzierungsstopp gefährdet Infrastrukturprojekte
Huster kritisierte außerdem die aktuelle Situation der öffentlichen Haushalte. Aufgrund der vorläufigen Haushaltsführung bis zur Verabschiedung des Bundeshaushalts 2025 sei eine faktische Haushaltssperre in Kraft, die Investitionen verzögere. Dies habe bereits dazu geführt, dass die Autobahn GmbH Auftragsvergaben für Sanierungsmaßnahmen an Straßen und Brücken stoppen musste. Die Bundesregierung müsse schnell auf diese Sondersituation reagieren, so Huster.
Vorstandswahlen: Kontinuität und personelle Veränderungen
Im internen Teil der Veranstaltung bestätigten die Mitglieder den bisherigen VSL-Präsidenten Dr. Micha Lege (Wiedmann & Winz, Geislingen) für weitere drei Jahre im Amt. Auch der Vorstand des Arbeitgeberverbands Spedition und Logistik (AVSL) wurde neu gewählt. An der Spitze löst Elke Ester (UPS Deutschland) den langjährigen Vorsitzenden Rainer Krahn ab. Krahn war 13 Jahre im Vorstand aktiv und prägte als Verhandlungsführer die Tarifkommission. Für sein Engagement erhielt er die AVSL-Ehrennadel in Gold.