T&E und LBS: 100 Milliarden Sanierungsstau von - Brückenverfall gefährdet Logistiknetz
Eine neue Studie der Organisation Transport & Environment (T&E) legt offen, wie schlecht es um den Zustand der Straßenbrücken in Deutschland steht – und welche Folgen das für Wirtschaft, Logistik und Versorgungssicherheit haben kann.
Demnach erfüllen rund 6.000 Brücken auf Autobahnen und Bundesstraßen bereits heute die Kriterien des Bundes für einen Ersatzneubau. Das entspricht etwa einem Viertel der Bestandsbauwerke. Der Investitionsbedarf allein in diesem Bereich summiert sich T&E zufolge auf knapp 100 Milliarden Euro. Hinzu kommt eine massive Sanierungslücke bei Brücken in kommunaler Verantwortung.
Der Landesverband Bayerischer Spediteure (LBS) sieht sich durch diese Ergebnisse in seiner Kritik bestätigt. Die Branche mahnt seit Langem mehr Tempo bei Erhalt und Sanierung von Verkehrswegen an.
„Wir erleben in jüngster Zeit immer wieder, wie es zu schweren Störungen der Lieferketten kommt, weil die Brücken als buchstäblich tragende Säulen der Infrastruktur nicht mehr oder nur stark eingeschränkt nutzbar sind“, erklärt Sabine Lehmann, Geschäftsführerin des LBS, mit Blick auf prominente Beispiele wie die A45 bei Lüdenscheid, die gesperrte Carolabrücke in Dresden oder die jüngst stillgelegte Damaschkebrücke in Magdeburg.
Besonders kritisch bewertet der LBS, dass Verzögerungen bei der Sanierung nicht nur logistische Engpässe, sondern auch erhebliche Folgekosten verursachen. Ersatzrouten verlängern Fahrzeiten, belasten Fahrerinnen und Fahrer, verschlechtern die Umweltbilanz und beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit der gesamten Logistikkette. Lehmann warnt:
„Aus solchen Zwischenfällen und den damit verbundenen Sperrungen ergeben sich schwerwiegende Folgen für die Versorgungssicherheit für Wirtschaft und Verbraucher – aber genauso für die Leistungsfähigkeit der Logistikfirmen und die Belastung ihrer Mitarbeitenden.“
T&E-Analyst Benedikt Heyl formuliert es drastischer:
Die Autobahn GmbH führe inzwischen eine „Triage bei der Modernisierung von Straßenbrücken“ durch. „Das ist absurd und teuer, denn jede verschleppte Sanierung kostet in Zukunft noch viel mehr.“
Heyl kritisiert, dass das aktuelle Brückenmodernisierungsprogramm des Bundesverkehrsministeriums bis 2030 nur den Ersatz von rund 4.000 Brücken vorsieht – deutlich weniger als notwendig. Zudem beschränke sich das Programm auf Bauwerke entlang des transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-T), während über 12.000 weitere Brücken im übrigen Netz außen vor blieben.
Auch der Bundesrechnungshof zweifelt daran, dass die bereits geplanten Maßnahmen termingerecht umgesetzt werden können. Es fehle an Kapazitäten in Planung und Bauausführung – eine Einschätzung, die auch der LBS teilt. Lehmann sieht in der Dauer der Verfahren ein Kernproblem:
„Wenn Widerspuch aus der Komfortzone dazu führt, dass Schäden in vielfacher Millionenhöhe in Kauf genommen werden, dann brauchen die entsprechenden Verfahren eine neue Logistik.“
Die Studie von T&E weist darüber hinaus auf erhebliche Datenlücken bei Brücken in kommunaler Trägerschaft hin. Drei Viertel des deutschen Straßennetzes liegt in der Verantwortung von Ländern und Kommunen, doch verlässliche Zahlen zum Zustand der dortigen Bauwerke fehlen. Einzelne Erhebungen deuten auch hier auf einen hohen Sanierungsbedarf hin. Laut Deutschem Institut für Urbanistik (Difu) liegt der Investitionsbedarf im kommunalen Bereich bei über 46 Milliarden Euro, weitere 10 Milliarden entfallen auf Landesstraßen.
T&E fordert daher eine grundlegende Neuausrichtung der Verkehrspolitik. Sanierung müsse Vorrang vor Neubau haben. Bund und Länder müssten nicht nur für eine langfristige Finanzierung sorgen, sondern auch Kommunen gezielt unterstützen. Investitionen in die klimafreundliche Verlagerung von Güterverkehren sowie der Einsatz nachhaltiger Baumaterialien wie grüner Stahl und Zement sollten verpflichtend werden.
Heyl bringt es auf den Punkt:
„Deutschland braucht eine strategische Kehrtwende: Wer in Zeiten einstürzender Brücken und Klimakrise noch von Straßenneubauten träumt, hat den Ernst der Lage nicht erkannt. Jetzt muss jeder Cent, der für die Straßeninfrastruktur vorgesehen ist, in die Sanierung fließen.“
Für die Güterverkehrsbranche sind diese Warnungen mehr als ein Appell – sie sind ein dringender Handlungsauftrag. Denn funktionierende Infrastruktur ist keine Option, sondern Grundlage für wirtschaftliche Stabilität, Versorgungssicherheit und nachhaltige Mobilität.