VM-Fahrbericht DS N°8: Charakterstark
Schon die Proportionen sind seltsam, aber irgendwie stimmig: Ein bisschen wie eine Hyäne oder ein Stier mit hohen Schultern steht der DS N°8 da – und man hat das Gefühl, dass der höchste Punkt der 4.820 x 2.090 x 1.580 Millimeter messenden Limousine direkt hinter der A-Säule ist und das Auto ab da wie ein Tropfen nur noch abfällt. Dazu passt die unser Meinung nach sehr gelungene Reisszahn- oder Blitzoptik der vorderen Tagfahr-LEDs, darüber sorgen LED-Hauptscheinwerfer nächtens für einen Lichtvorhang. Dazwischen bei den Topausstattungen ein beleuchtetes Logo, am Heck dafür nur noch ein Schriftzug, um die Marke bekannter zu machen. Denn unter „DS“ findet man online allerlei neben Autos. Wir fänden das verchromte Ur-Logo viel eleganter, da auch jeder China-Hersteller sich Schriftzüge aufs Heck pappt, aber gut. Dafür sorgen lange senkrecht stehende LEDs trotzdem für einen charakterstarken Abgang.
Typisch DS Automobiles: Die Material- und Oberflächenorgie im Interieur
Überhaupt Charakter: Wer in das Topmodell Jules Verne einsteigt, wird von echten Materialien geradezu geflasht! Echtes Alcantara, keine billige Microfaser wie bei Audi oder chinesischen Modellen, Leder, Alublenden für die Fokal-Anlage und – nun ja, ein bisschen Kunststoff, wo man es nicht so sieht. Im Untergeschoss dann in typischer Stellantis-Maserung, aber alles in allem stimmig!
Es gilt also auch hier: Man muss dringesessen haben, um „Numero huit“ wirklich erleben zu können. Die Vordersitze mit verstellbaren Seitenwangen sind mit Massage ausgestattet und bieten einen kleinen „Nackenföhn“ und sind – wie die Rücksitze beheizt und belüftet. Einziges Problem der Sitzlüftung: Sie ist wie bei allen Modellen noch störend laut. Was beim DS N°8 umso mehr stört, als er sonst extrem leise ist: Dank extradicker Scheiben (4,96 mm starke Windschutzscheibe und 3,96 mm dicke Seitenscheiben) und diverser Soundabsorber bleibt der DS N°8 tatsächlich auffällig leise, bis die Windgeräusche ab 100 km/h langsam hörbar werden. Dann fallen übrigens auch die schlechten Straßenbeläge akustisch durch „singen“ und rumpeln umso mehr auf, die man im Hyundai Ioniq zwei Wochen zuvor so gar nicht wahrnahm. Im Fond fällz großen Fahrgästen trotz der 2.900 Millimeter Radstand etwas „das Dach auf den Kopf“ – zu sehr fällt es im Fond ab. Bis 1,85 Meter ist okay, sonst hat man die Wahl: Aufrecht sitzen, dass man mit dem Haupt möglichst weit nach vorn noch unters große Glasdach kommt oder im Hohlkreuz reinlümmeln, das man flacher sitzt.
Zum grundsätzlichen Komfort passt das Fahrwerk, dass die meisten Unebenheiten gelungen absorbiert, in „Sport“ aber genug Härte zeigt, dass man den 2,3-Tonner auch mal durch enge Serpentinen schießen kann, wenngleich es uns den ganz flauschigen Komfort wegen der tendenziell straffen Grundabstimmung schuldig blieb. Und obwohl DS hier auch mit Kamerabeobachtung der Straße samt sofortiger Rückmeldung an die Dämpfer erheblichen Aufwand betreibt, blieb es den ganz großen Wooooow-Effekt schuldig. Es ist komfortabel-straff abgestimmt – passt, flauscht aber nicht aus der Masse heraus und wird genau so künftig auch zum engen Verwandten Lancia Gamma passen.
Power ist grundsätzlich genug vorhanden
Power ist immer genug vorhanden – 350 PS, im Boost deren 375 sorgen bei Bedarf jederzeit für souveränes Vorankommen, nur im „Eco-Mode“ wird ein „Blocker“ vorgeschalten, der unharmonisch wirkt: Er würgt die Leistung künstlich ab: Fordert man dann am Ortsausgang oder beim Überholen oder beim Einfädeln auf die Autobahn spontan mal ein paar Kilowatt mehr an, kommen die immer erst nach einer Gedenksekunde, etwas ruckelig. Ebenso wie man die Rekuperation gundsätzlich uf die kleinstmögliche Stufe stellen sollte, sonst setzt die sofort nach Fahrpedallupfen ein, was man auf Rolletappen gar nicht gebrauchen kann. Grundsätzlich soll der DS N°8 wie die deutschen Premiums auch die „Straße lesen können“, heißt – das Tempo allein intuitiv anpassen, allein: Wir fanden die dafür nötige Einstellung auf der ersten Ausfahrt nicht.
Der Abstandstempomat arbeitet dafür geschmeidig und Tempo- sowie Spurwarner nerven nicht respektive allenfalls mit wegklickbarem „Herzbumpern“, das bisher nur Stellantis so hat und das bei Weitem nicht so nervt wie bei allen anderen Fabrikaten.
Der Verbrauch überraschte uns etwas
Wir waren dann gar flott und klimatisiert unterwegs und kamen am Ende auf exakt 22 kWh/100 km, was brutto rund 24 kWh/100 km sind. Übernommen haben wir das Auto mit 23,5 kWh/100 km, was brutto rund 26 kWh/100 km sind – und gut, wir hatten jetzt das Topmodell mit Allrad, der frisst bei den Stromern immer merklich extra, aber: Wir hätten eigentlich schon erwartet, mal deutlich unter 20 kWh/100 km kommen zu können, klappte aber nicht. Gehen wir jetzt mal von unseren Erfahrungen mit vergleichbaren Peugeot-Modellen aus, sind Stellantis-Antriebe keine Sparefrohs - hier wird aber ein Test noch mehr Aufschluss bringen. Aber kolportierte 646 Kilometer nach WLTP sind so eher nicht drin – eher 400 Kilometer plusminus x.
Laden? Leider nur mit maximal 160 kW
Laden kann der DS N°8 DC mit maximal 160 kW, die er aber lang (zwischen 20 und 55% Ladestand) halten können soll, sodass er den Hub zwischen 20 und 80% binnen 27 Minuten glücken soll, was bedeutet: Die übliche Angabe von 10 bis 80% dürfte eher ÜBER 30 Minuten dauern…AC einpahsig mit den in Frankreich üblichen 7,4 kW dauert 9 Stunden 5 Minuten, mit 11 kW sind es 6 Stunden 10 Minuten und mit den optionalen 22 kW (empfehlenswert) wären es 3 Stunden 20 Minuten. Hier wäre eigentlich eine 800-Volt-Plattform sinnvoll gewesen, die STLA Medium aber (noch) nicht hergibt.
Eine weitere Stellantis-Schwäche ist das Infotainment: Braucht teils etwas lang zum erwachen, rechnet sich teils einen Wolf und versteht vieles nicht. Hier können wir Entwarnung geben: Bis auf eine Gedenksekunde beim Start – bitte nicht starten und SOFORT den Fahrwählhebel schnippen – gibt sich der DS N°8 klug und verständig: Einmal falsch abgebogen und er hat sofort die neue Route, ladeplant unseren ersten Eindrücken nach klug und versteht auch Teilabstraktes und kann ohnehin Chat GPT.
Die Preise? Fair – aber die Leasingraten dürften gern noch fairer sein
Die Preise? Sehr fair, da wir mit 4,83 Meter Länge eigentlich in der oberen Mittelklasse unterwegs sind, in der sich einst Audi A6 und Co bewegten, die jetzt nochmal 10 bis 20 Zentimeter länger sind. Die Preise starten bei 57.700 Euro für den Pallas mit 73er-Akku. Mit dem 97,2-kWh-Akku startet der Pallas dann bei 63.200 Euro, als Allrad bei 68.100 Euro. Das derzeitige Topmodell, die „Edition“ Jules Verne, die ein Jahr lang ohne Stückzahlenlimitierung gebaut wird, kommt nur mit 97,2-kWh-Akku und kostet 77.000 respektive 81.000 Euro. Aber selbst wenn man die komplett „vollpacken“ würde, käme man laut Pressesprecherin Dorothea Knell nicht über 85.000 Euro hinaus. Da der DS N°8 aber vor allem auf Flotten zielt, wäre aber die Leasingrate noch wichtiger, doch die startet bei erwartungsgemäßen 597 Euro im Monat. Und da haben wir bei deutschen Premiums, die gerade etwas Volumen machen müssen, schon deutlich Günstigeres gesehen. Denn es war eben doch schon immer etwas teurer, einen exklusiven Geschmack zu haben. Oder kurz gesagt: Charakter kostet eben.
Was bedeutet das?
Gegenüber dem in China montieren Langeweiler-Stufenheck DS9 ist der DS8 ein Riesenschritt: Viel französischer, noch wilder und innen wieder extrem hochwertig gemacht, abermals mit Materialien und Oberflächen, die man eher bei Rolls-Royce und Co. erwartet – zumindest im Sichtbereich. Dazu kommt ein stimmiges Gesamtpaket, wenngleich das Topmodell eigentlich eine 800-Volt-Plattform und noch eine Idee mehr Intelligenz bei der Fahrassistenz verdient hätte.