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Alpine A390 – Hightech trifft Handarbeit: Die erstaunliche Wahrheit hinter Alpines Produktion

Die A390 wird neben der A110 das zweite Alpine-Modell aus Dieppe – und dort in Manufakturmanier weitgehend hand-hergestellt! Wir waren überrascht – Renault-CEO Luca de Meo hätte die kleine Fertigung auch einfach zusperren können, entschied sich aber anders!

Noch macht das Gros der Montage die A110 (vorn) aus. | Foto: G. Soller

In Dieppe hat man die Mitarbeiterzahl ordentlich aufgestockt – um fast 50 Prozent – von 288 auf 377! Dazu kommen 120 temporär Angestellte und 22% der Mitarbeitenden sind weiblich. Das ist Mittelstandsmanufakturgröße – dagegen sind die Produktionen mancher Luxusautohersteller Großserie, denn 2024 produzierte man in Dieppe gerade mal 4433 Einheiten! Mit fast keinen Robotern, aber umso mehr Liebe zum Detail! Wahrscheinlich wird kein Auto auf der Welt so oft gestreichelt, wie eine Alpine, bevor sie die heiligen Hallen in Dieppe verlässt!

Nordfrankreich hat viele - eher kleine – Fahrzeugfabriken und baut auch SUV, Trucks und Kühlfahrzeuge

Was viele nicht wissen: Nordfrankreich hat neben seiner Weichkäse- durchaus auch eine Fahrzeugproduktion. In Rennes baut Citroen den C5 Aircross (mit gut 2.000 Mitarbeitern auch hart an der Manufakturgrenze), in Bainville sur One fertigt Renault Trucks Kabinen, leichte und elektrische Lkw und in Ducey-Les Chéris fertigt Chereau seine Kühlauflieger und –aufbauten, und ja, all diese Werke machen jetzt weder Detroit noch Wolfsburg aus der Region, doch trotzden nicht nur den Winden und Stürmen der Natur!

So auch in Dieppe, wo es am Besuchstag ebenfalls wieder heftig westwindet und sprühregnet. Die Hallen entstanden großenteils noch in den späten 1960er Jahren – bis 2006 wurde hier auch noch die Alpine A610 gebaut, dann hätte man eigentlich zusperren und abreißen können, was schnell gegangen wäre. Denn anders als Longbridge, wo 2005 ebenfalls die letzten MG Rover produziert wurde, hatte man hier nur Leichtbauhallen – der „Überlaufproduktion“ von Tesla nicht unähnlich.  Doch irgendwie ging es in Dieppe immer weiter, man war auch stolz auf das Erbe des Firmengründers Jean Redelé, der seine Marke hier gründete und ausgerechnet „Alpine“ nannte – weil damit in den Alpen der Konkurrenz so herrlich um die Ohren carvte.

Luca De Meo brachte neue Perspektiven nach Dieppe

2017 legte man dann die A110 neu auf – nach bewährtem Rezept: Großserienantrieb angeschärft plus viele Baukastenkomponenten von Renault – das alles in ein kleines knackiges Leichtbaualukleid gepackt. Sodass ein Porsche Cayman neben der A110 zum Schwergewichtsboxer wird. Und so montierte man in liebevoller Handarbeit Jahr um Jahr ein paar tausend Alpines – wobei sich die Aussichten des Werkes in der Normandie mit zunehmendem Alter der A110 wieder eintrübten. Ja, immer mehr Fans auch in Exportmärkten wie Deutschland, Großbritannien oder auch Japan und Südkorea lernten sie schätzen und lieben aber von einem „Verkaufsschlager“ war sie soweit weg wie es Dieppe von den Alpen ist.

Bis Luca de Meo kam, der schon an der Wiedergeburt von Abarth und der Gründung von Cupra beteiligt war: Warum nicht aus Alpine eine eigene, margenstarke Marke mit bis zu sieben(!) Modellen machen? Dazu braucht es verdammt viel Vision und Mut, aber wer den rührigen Italiener kennt, weiß, dass er beides hat – und ein Car Guy ist.

Die Montage in Dieppe wurde zuletzt massiv aufgerüstet – bleibt aber Manufaktur!

Also wurde Dieppe dezent umgerüstet und zukunftsfit gemacht: Mit elektronischer Produktionssteuerung, automatisierten Anzugsdrehmomenten für jeden Schlagschrauber und dezentem Einsatz von KI vor allem im Materialfluss – denn gerade die A110 fährt zum Produktionsende 30 Farben und zig Sondermodelle und Untervarianten auf. Und während ihr Alukleid noch weitgehend in Dieppe entsteht, wird der Rohbau der A390 aus Douai angeliefert. Ebenso wie die Motoren aus Cléon und die Akkus aus Dunkerque beigestellt werden. Dann treffen sich A110 und A390 in der Lackiererei und zur anschließenden Montage.

Sehr flexible Taktzeiten von 6 bis 56 Minuten

Die vor allem bei der „Hochzeit“ ganz anders ausfällt: Bei der A390 wollen drei relativ kompakte E-Maschinen verbaut: Ein fremderregter Synchronmotor, der Wicklungen im Rotor enthält, vorne und zwei permanenterregte Synchronmotoren hinten. Dazwischen liegt das 89,5-kWh-Akkupaket. Bei der A110 hat man den 1,8-Liter-Turbobenziner vorn und einen Tank. Das Alles fordert höchste Flexibilität, was man auch an derzeitigen Taktzeiten zwischen sechs und 56 Minuten (!) sieht. Für die „Hochzeit“ sind 20 Minuten angesetzt, für den ersten Check im Lichttunnel nach dem groben Innenausbau (Armaturen, Teppiche, Verkleidungen, aber noch keine Sitze) 38 Minuten! Hier erstreichelt eine Dame gerade 90 verschiedene Checkpoints – sollte Ihren Fingerkuppen und scharfen Augen auch nur das kleinste Detail auffallen, müssten die Lacker nochmal ran. Aber sie lächelt und gibt das 70-Jahre-A110-Sondermodell frei für die „Hochzeit“. Und bittet eine weiße A390 in den Lichttunnel. Noch sind die großen Stromerinnen in der absoluten Minderheit – am Tag unseres Besuchs konnten wir vier von ihnen entdecken, alle übrigen waren A110.

Nach dem ersten Lichttunnel: Bereit für die „Hochzeit“?

Nach dem Lichttunnel wird der Innenausbau komplettiert und die Braut für die „Hochzeit“ vorbereitet. Der „Bräutigam“ wird gegenüber vorbereitet, wo Achsen und Antrieb montiert werden – beim A390 auch das „Skateboard“, mit dem sich die Karosserie „vermählen“ wird.

Auch die Hochzeit läuft ruhig und präzise ab und da man auch öfters noch unters Auto muss – auch, um es dann auf eigene Räder zu stellen, schaffte man neue selbstfahrende Gestelle an, die bis zu 2,5 Tonnen tragen können – bei der A110 hätten 1,5 Tonnen selbst für die allerschwersten Versionen locker gereicht! Die A390 kommt auf 2.121 Kilogramm plus x – je nach Ausstattung und Fahrendem.

 

Die A110 wird dann getankt, die A390 geladen und beide werden startklar für die finalen Checks gemacht. Ganz am Ende gibt es nochmal Streicheleinheiten und – falls nötig – eine kräftige Spaltmaß-Massage, denn: Hier steht die letzte Truppe an Qualitätscheckern, die in „Fugenferdl-Piech-Manier“ nochmal alle Spaltmaße checkt. Für uns sahen die top aus, aber wenn man mit dem Finger drüberstreicht…entsprechend wird dann nochmal dezent heftig vor allem an Front- und Heckdeckel „gerissen“. Dann wieder und wieder streicheln, bis sich die Gesichter entspannen: Zart wird der nun top passende Heckdeckel geschlossen und A110 und A390 in die Freiheit auf die finale Teststrecke vor dem Werk entlassen. Hier dürfen sie enge Kurven durchräubern und müssen über fieses Kopfsteinpflaster rumpeln, bevor sie nach dem allerletzten Check wetterfest – hier in der Normandie an der Kanalküste ganz wichtig – „angezogen“ und versandbereit geparkt werden.

Im Mai 2025 baut man elf (!) Autos am Tag

Zum Zeitpunkt unseres Besuches am 28. Mai 2025 beschränkte man sich auf elf (!), ja, richtig gelesen, 11 – nicht 110 Autos am Tag! Was multipliziert mit 251 französischen Arbeitstagen 2025 insgesamt 2.761 produzierte Autos ergäbe – was auch der „Auslaufproduktion“ der aktuellen A110 geschuldet ist. Wie viele Autos man bei voller Auslastung produzieren könne, darüber schweigt man sich beharrlich aus.  An einer Station ist von rund 50 Einheiten die Rede: Womit wir 2025 auf 12.550 Einheiten kämen und feststellen: Wenn wir davon im Idealfall rund 5.000 bis 6.000 A110 abziehen, hat man den A390 extrem vorsichtig geplant. Und sind erstaunt: Für den hohen Manufakturanteil in Dieppe müsste jeder A390 eigentlich sechsstellig kosten!

Weshalb wir die A390 jedem Autofan ans Herz legen – und raten, sich unbedingt einen Slot bei dessen Produktion in Dieppe zu sichern – reichlich „Streicheleinheiten“ inklusive!

Was bedeutet das?

Wow! Wir wussten, dass Dieppe jetzt nicht Shanghai oder Wolfsburg ist, aber dass man hier eher wie bei Morgan oder Rolls Royce als bei Lamborghini oder Porsche arbeitet, hat uns dann doch erstaunt. Was die Marke Alpine für uns umso begehrenswerter und sympathischer macht. Und Luca de Meo umso mutiger: Denn in Dieppe neben der seltenen A110 noch die A390 zu montieren ist eine ganz starke Entscheidung! Möge sie sich auszahlen!